24.04.2008
Über die Große Mauer hinweg
Der Brückenschlag: Hochschul-Kooperationen wie kaum eine andere Uni/
Die Bergische Universität und die Volksrepublik China/Von Volker Ronge
Fotos (3) Volker Ronge
Der Titel klingt vermessen, irgendwie nach Davidchen und Goliathmonster. Andererseits hat sich die Bergische Universität im Verhältnis zu China – d. h. natürlich zum chinesischen Hochschulwesen – in den letzten Jahren, verglichen mit anderen deutschen Hochschulen, geradezu exponiert und sehr gut aufgestellt: In drei Fächern bestehen Kooperationsbeziehungen zu (verschiedenen!) chinesischen Universitäten, auf deren Grundlage demnächst ganze Gruppen von Studenten nach Wuppertal ins Bachelor-Studium kommen werden. Und das Bemerkenswerte dabei ist, dass es sich um Technik-Fächer handelt: Maschinenbau, Drucktechnik und Bautechnik. Darüber hinaus ist unser englisch-sprachiger Master-Studiengang im Maschinenbau (Computational Mechanical Engineering) zur Zeit fast vollständig mit chinesischen Studenten belegt – was natürlich so nicht auf Dauer bleiben soll.
Für jedes der genannten Technikfächer haben wir uns mit einer bestimmten Universität "verbandelt", im Maschinenbau gleich mit zwei Universitäten (Huazhong University of Science and Technology und Jianghan University of Technology), in der Drucktechnik mit der für chinesische Verhältnisse altehrwürdigen Wuhan University, und in der Bautechnik, dies ist der jüngste Vertrag, mit der Hubei University of Technology. Alle diese Universitäten haben ihren Campus in der 8-Millionen-Metropole Wuhan in Zentralchina, am Jangtsekiang, dem großen Fluss mit den berühmten drei Schluchten und dem gigantischen Staudamm.
Damit sind unsere China-Partnerschaften aber noch längst nicht erschöpft, ich konzentriere mich hier nur auf die Programme im grundständigen Bachelor-Studium. Die "Programmstudenten" – so genannt, weil sie im Rahmen besonderer Programme rekrutiert, ausgewählt und auch betreut werden – beginnen ihr Fachstudium in China, lernen parallel dazu intensiv Deutsch (bis zu einer Prüfung) und studieren dann in Wuppertal bis zum Bachelor-Abschluss weiter, und zwar in einer Regelstudienzeit von insgesamt vier (statt ansonsten drei) Jahren.
Dieses Studienprogramm bedeutet für die chinesischen Studenten einen immensen Kraftakt: Volles – technisches – Studium, parallel dazu eine neu zu erlernende schwere Sprache, durchgängig ohne schulische Vorbereitung. Außerdem kostet dieses Studium die chinesischen Studenten eine Menge Geld – eine große private Investition der Eltern in ihre Kinder, die diese unter erheblichen Erfolgsdruck setzt. In China mit seiner konfuzianisch-kulturellen Hochschätzung von Bildung und Ausbildung bildet dies jedoch eher den Regelfall als die Ausnahme.
Nicht zuletzt der Akquisition von Programmstudenten diente die nun bereits zweite Sommerschule an der Wuhan University, die kürzlich die Drucktechnik-Professoren Dr.-Ing. Johannes Backhaus und Dr.-Ing. Peter Urban mit finanzieller Förderung des Deutschen Akademischen Austausch-Dienstes (DAAD) veranstaltet haben. An der diesjährigen Sommerschule haben mehr als 50 Studenten aus fast 20 chinesischen Universitäten teilgenommen – ein großer Werbeeffekt für die Universität Wuppertal.
235 chinesische Studenten (ohne chinesische Bildungsinländer) studieren zurzeit an der Bergischen Universität, 40 Prozent davon in technischen Fachbereichen und neun Prozent in den Naturwissenschaften – zusammen also die Hälfte von allen. Ein weiteres Drittel studiert Wirtschaftswissenschaft.
Die bergische China-Beziehung ist also nicht in erster Linie eine sprach- und kulturwissenschaftliche, ihr Schwergewicht liegt vielmehr in Technik, Naturwissenschaften und Ökonomie. Von daher ist diese Beziehung auch für die Unternehmen in unserer Region relevant – wenn diese das denn nur zur Kenntnis nehmen würden! Die bei uns ausgebildeten chinesischen Studenten lernen die deutsche Sprache und werden in deutsche Verhältnisse hinein sozialisiert. Zurück in ihrem Heimatland sind sie nicht nur Botschafter für Deutschland, Kenner deutscher Sprache und Kultur, sondern doppelt qualifizierte potentielle Arbeitskräfte für deutsche Firmen in China.
China boomt. Langsam bemerkt man das auch in Deutschland. Neuerdings wünschen sich die ersten Gymnasialschüler, Chinesisch als zweite Fremdsprache lernen zu können. Wir haben daraufhin in Kooperation mit dem Wuppertaler Gymnasium Bayreuther Straße ein Twinning-Projekt begonnen: Je ein Schüler des Gymnasiums und ein chinesischer Student der Universität, selbstverständlich männlich wie weiblich, bilden ein Paar, das einander wechselseitig die jeweilige Fremdsprache beibringt, ganz ohne Lehrer, in beiderseitigem Interesse und lebensnah. Das Sprachlernzentrum der Universität unterstützt diesen Erfolg versprechenden Ansatz (mehr).
Auch in der Forschung gibt es China-Bezüge: Mit Hilfe einer Projektfinanzierung des DAAD wurde von unserem chinesischen Prof. Dr. Huang Yuan im Fach Maschinenbau ein interessantes trilaterales Projekt initiiert, in dem außer der Bergischen Uni das renommierte Beijing Institute of Technology und die Technische Hochschule Hohot in der chinesischen Grenzprovinz "Innere Mongolei" kooperieren. Dabei handelt es sich um mehr als bloß eine deutsch-chinesische Zusammenarbeit – was auf diesem technischen Gebiet schon bemerkenswert genug wäre. Zugleich wird durch die Initiative zwischen zwei Regionen, ja Kulturen Chinas, zwischen Hauptstadt und entfernter, tiefster Provinz, ein Kennenlernen und Zurkenntnisnehmen erzeugt, das es ansonsten nicht gäbe. Der Nutzen unserer Anstrengungen im Brückenschlag über die "Große Mauer" hinweg ist vielfältig, für uns sowieso, auch für unsere Region, darüber hinaus sogar für China.
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