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BERGISCHE TRANSFERGESCHICHTEN
Zivile Sicherheit im Alltag
Prof. Fiedrich und der Lehrstuhl für Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit

Das ehemalige Kasernengebäude im Technologiezentrum Wuppertal, kurz W-tec genannt, liegt in der Morgensonne. Gepflegter Rasen, Vogelgezwitscher und sogar ein Springbrunnen begrüßen den Besucher in einem geradezu idyllisch angelegten Areal. In der dritten Etage vermutet man daher nicht den Lehrstuhl für Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit. Hier arbeitet Prof. Dr.-Ing. Frank Fiedrich seit 2009 als Lehrstuhlinhaber mit aktuell zwei festen Wissenschaftlichen Mitarbeitern, sieben Projektmitarbeitern sowie einigen Studentischen Hilfskräften.

Fotos Iris Rudolph

Im Gespräch mit ihm und seinem Mitarbeiter, Dr. Tim Lukas, wird schnell klar, dass es eine absolute Sicherheit nicht geben kann, „denn sonst würde man in einer Gummizelle leben.“ Und doch ist der Sicherheitsaspekt eine Größe, die in der Bevölkerung immer wichtiger wird.

Seit 25 Jahren beschäftigt sich der studierte Wirtschaftsingenieur Frank Fiedrich mit dem Thema Sicherheit. Anfangs nahm man diesen neuen Wissenschaftszweig noch nicht so ernst. Erst der 11. September 2001 (Anschlag auf das World Trade Center) führte zu einer gesellschaftlichen Wende, hin zu einer ernsthaften Anerkennung seines Forschungsgebietes, so Fiedrich. Spätestens da erkannte jeder, wie wichtig zivile Sicherheit im Alltag ist.

Katastrophen passierten auch in den Jahren danach weltweit: denkt man national an das Unglück der Love Parade in Duisburg 2010, international an das Erdbeben auf Haiti im gleichen Jahr oder die Kernschmelze in Fukushima 2011. Und da beginnt der Professor zu spezifizieren, denn die Gefahrenkategorien kann man grob in naturgegebene Gefahren, also Erdbeben oder Starkniederschläge, und vom Menschen gemachte Gefahren, etwa den Klimawandel, Pandemien, Industrieunfälle oder gar Kriege, unterteilen.

So umfangreich die Palette der Gefahren auch ist, durch die Erfahrungen der letzten Jahre konnten für viele Probleme Schutzkonzepte und Präventionsmaßnahmen für Menschen erarbeitet werden, die auf nationaler und internationaler Ebene effektiv greifen. Dabei betont Fiedrich auch immer wieder die interdisziplinäre Arbeit seines Lehrstuhls, wo Fachkräfte mehrerer Fachrichtungen zum Einsatz kommen.

Dr. Tim Lukas, sein engster Mitarbeiter, ist ein gutes Beispiel für diese Interdisziplinarität, also die Nutzung von Ansätzen, Denkweisen und Methoden verschiedener Fachrichtungen. Der studierte Soziologe und erfahrene Kriminologe war federführend bei dem gerade abgeschlossenen Projekt „VERSS – Aspekte einer gerechten Verteilung von Sicherheit in der Stadt“ beteiligt.

VERSS beschäftigt sich im Wesentlichen mit der Vertrauensbildung als einem wichtigen Parameter zur Herstellung und Gewährleistung von Sicherheit. Dabei geht es auch um die sogenannten Angsträume, von denen es im gesamten Wuppertaler Stadtgebiet 33 gibt. Das sind öffentliche Plätze, die von der Bevölkerung gemieden werden, weil die Bürger glauben, dort eher Opfer einer Straftat werden zu können. Da dann schnell der Ruf nach mehr Polizei und Schutzmaßnahmen laut wird, hat der Lehrstuhl zusammen mit Projektpartnern und Studierenden der Bergischen Universität andere, sozialere Alternativen überlegt und erarbeitet.

Im Zusammenschluss mit der Stadt, der Polizei und unter Beteiligung der Bürger kam man zu überraschenden Alternativen. So entstanden Ideen zur Verbesserung der Lichtverhältnisse an dunklen Plätzen oder zur Planung von Nachbarschaftsfesten, um dem anonymen Obdachlosen eine Identität zu geben, seine Geschichte zu hören und sich so weniger bedroht zu fühlen. Mit diesen Maßnahmen bewegen sich die Macher auch direkt im Teilbereich der Third Mission, dem dritten, gesellschaftlichen Standbein der Universität.

Prof. Dr.-Ing. Frank Fiedrich und sein Mitarbeiter Dr. Tim Lukas im Gespräch mit der Wissenschaftstransferstelle.

Nun ist Wuppertal zwar weit entfernt von Erdbeben oder Tsunamis, doch der Klimawandel klopft auch an die Türen von Nordrhein-Westfalen. Fiedrich erinnert an den Jahrhundert-Starkregen in Münster 2014 oder die sintflutartigen Niederschläge Ende Juni dieses Jahres in Berlin. Auch Wuppertal, mit seinen Hang- und Tallagen, braucht in diesem Fall Schutzkonzepte. Hier geht es vor allem darum, zügig Hilfe leisten zu können.

Die Zusammenarbeit mit Feuerwehr, Polizei und Behörden laufe gut, so Fiedrich. Planungen, was im Katastrophenfall in den nächsten zwei bis vier Stunden gemacht werden soll, können schnell umgesetzt werden. Auch der Einsatz von Spontanhelfern wird in die Überlegungen mit eingebaut.

Dazu kann man die sozialen Medien sinnvoll nutzen. Prof. Fiedrich nennt ein österreichisches Beispiel in der Flüchtlingshilfe. Dort haben sich das Rote Kreuz und der Radiosender Hitradio Ö3 im „Team Österreich“ zusammengetan. Jeder Helfer, der sich über eine zugehörige Webseite registriert, gibt direkt ein paar seiner Qualifikationen sowie seine Handynummer an, die eine sofortige sinnvolle Einbindung durch das Organisationsteam ermöglichen.

Hierzu betreut der Wirtschaftsingenieur auch ein weiteres, internationales Projekt: INCA (Improving Crossborder Area Resilience to Disasters). In Zusammenarbeit mit französischen und deutschen Partnern wird im Rahmen dieses Forschungsprojektes auch die Einbindung von Spontanhelfern untersucht.

Sind die Deutschen also gut vernetzt? Fiedrich erklärt, dass er die Vernetzung der deutschen Helfer im nationalen und internationalen Bereich als gut ansehe. Dennoch sei im Bereich der interorganisationalen Zusammenarbeit noch viel zu tun. So müssen zukünftig Koordinierungszentren geschaffen und mit gemeinsamen Planspielen immer wieder neue Szenarien durchdacht werden.

Unter Professor Fiedrichs Federführung erscheint demnächst das Buch „Einführung in den Bevölkerungsschutz“, in dem er Strukturen, Organisationen und Abläufe des Katastrophen- und Bevölkerungsschutzes in ausgewählten Szenarien beschreibt. Neben den damit verbundenen Themen des Katastrophen- und Krisenmanagements wird darüber hinaus der Bereich der internationalen Katastrophenhilfe behandelt.

Und wo bleibt bei aller Organisation die Wissenschaft? Hier stellt Fiedrich klar, dass die Organisation der Gefahrenabwehr erst durch eine gute, wissenschaftliche Grundlagenarbeit möglich ist. Wie arbeiten Organisationen? Wie strukturieren sie sich? Wie werden Entscheidungen in zeitkritischen Situation getroffen? Wie kommt eine bessere Zusammenarbeit zustande? Das sind nur einige der Fragen, die am Lehrstuhl untersucht werden.

„Alles entwickelt sich weiter, die Disziplinen wachsen zusammen“, sagt Fiedrich und die Einsatzmöglichkeiten für Sicherheitstechniker werden sowohl vielseitiger als auch zahlenmäßig mehr. Firmen und Institutionen legen immer mehr Wert auf Sicherheit und sind heute auch bereit dafür zu zahlen, so Fiedrich.

UWE BLASS

Weitere Transfergeschichten unter
www.transfer.uni-wuppertal.de/transfergeschichten.html

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Nach seinem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens promovierte Professor Fiedrich an der TH Karlsruhe. Dort arbeitete er u. a. im Sonderforschungsbereich „Starkbeben“ und im Graduiertenkolleg „Naturkatastrophen“. Vor dem Wechsel nach Wuppertal arbeitete Professor Fiedrich vier Jahre am „Institute for Crisis, Disaster and Risk Management“ der George Washington University in Washington, DC. Hier führte er unter anderem Forschungsprojekte für die amerikanische Katastrophenschutzbehörde zur Notversorgung der betroffenen Bevölkerung nach Großschadensereignissen durch.