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BERGISCHE TRANSFERGESCHICHTEN
„Gründungsinteressierte Studierende benötigen Unterstützung“ //
Prof. Dr. Christine Volkmann lehrt und forscht zu nachhaltigen Unternehmensgründungen

Gebäude M, Ebene 13, an der Bergischen Universität: Die Wissenschaftstransferstelle trifft die Leiterin des Lehrstuhls Unternehmensgründung und Wirtschaftsentwicklung sowie die UNESCO-Lehrstuhlinhaberin für Entrepreneurship und Interkulturelles Management der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft – Schumpeter School of Business and Economics, Professorin Dr. Christine Volkmann.

Foto Wissenschaftstransferstelle / Iris Rudolph

Laut einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD von 2014 liegt Deutschland mit einem Anteil an Selbständigen von 11 Prozent noch weit hinter Spanien und Griechenland zurück. Da stellt sich unwillkürlich die Frage, warum Deutschland, trotz seiner wirtschaftlichen Stärke, im Vergleich zu diesen Ländern so schlecht abschneidet?

Für Professorin Volkmann sind die Ergebnisse der Studie nicht überraschend. Denn in südeuropäischen Ländern mit niedrigen Pro-Kopf-Einkommen und hoher Arbeitslosigkeit bestehe häufig eine Notwendigkeit sich selbständig zu machen, um zu überleben. Aber nicht jeder Selbständige sei auch Unternehmensgründer. Daher sieht sie die rein eindimensionale quantitative Aussage im Hinblick auf die Bildung von Rankings durchaus kritisch: „Eine hohe Gründungsquote sagt noch nichts über das Wachstumspotenzial und die Qualität der Gründungen in einem Land aus. Wenn wir uns die Länder Griechenland und Spanien anschauen, dann haben wir dort sicher sehr viele Gründungen, aber es sind in erster Linie Klein- und Kleinstgründungen.“

Viele ergänzende Informationen über Gründungen, so z.B. über die Innovationsstärke, die Skalierbarkeit und die Nachhaltigkeit der Geschäftsmodelle seien wichtig, um das Gründungsgeschehen in einem Land fundiert beurteilen zu können. In diesem Kontext sollte auch die in den letzten Jahren konstante bis leicht rückläufige Anzahl an Gründungen in Deutschland keinen Anlass zur Sorge geben.

Dabei ist es Prof. Volkmann wichtig zu berücksichtigen, „dass in der aktuell guten konjunkturellen Lage, in der Arbeitskräfte gesucht werden, die Anzahl an Gründungen tendenziell zurückgeht. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten entlassen Unternehmen eher Beschäftigte, von denen einige dann im Rahmen einer beruflichen Neuorientierung Unternehmen gründen“. Unternehmensgründungen mit innovativen Geschäftsmodellen haben häufig auch Wachstumspotenzial, und wenn sie einmal fehlschlagen, dann liegt es selten am Geschäftsmodell, sondern eher an anderen Ursachen, z.B. am Faktor Mensch. „Teamschwierigkeiten“, betont sie, „sind ein häufiger Grund des Scheiterns“.

Volkmann legt Wert darauf, dass fast alle über EXIST – einem Förderprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums für Gründerinnen und Gründer aus Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen – geförderten Ausgründungen der Bergischen Universität stetig gewachsen sind.

Sie wünscht sich für Studierende sowie angehende junge Gründer mehr Möglichkeiten, um sich auszuprobieren und unterstützt daher auch eine Initiative der internationalen Studierendenorganisation ENACTUS. In deren Hochschulwettbewerb entwickeln Studierende interdisziplinär eigene Geschäftsideen, die wirtschaftlich tragfähig sein sollen, aber auch einen sozialen bzw. gesellschaftlichen Mehrwert bieten. „Die Studierenden lernen schon frühzeitig kreativ in Teams zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen und ihre Gründungsprojekte vor einer erfahrenen Jury zu präsentieren“, freut sich die Wissenschaftlerin.

2018 ist Wuppertal zum zweiten Mal Gastgeber des nationalen ENACTUS-Wettbewerbs. In diesem Kontext wünscht sie sich auch einen Ort für Studierende, in dem es Raum für Kreativität und Experimente gibt. Dabei geht es ihr konkret um die Schaffung eines Inkubators bzw. Innovationslabors als Schnittstelle zwischen Universität und den Gründerzentren in der Region (bspw. dem W-Tec). Und so würde sie sich freuen, wenn es gelingen könnte, erfahrene Unternehmer mit gründungsinteressierten Studierenden zusammenzubringen.

Daher plädiert die Professorin für experimentelle Projekte, die von etablierten Unternehmen gecoacht werden. „Erfahrene Unternehmer könnten potenzielle Gründer schon im Entstehen des Geschäftsmodells begleiten und sie durch wertvolles Know-how unterstützen“. Die engagierte Wissenschaftlerin weiß, dass ihre Lehrstuhl-Mitarbeiter und sie zwar theoretisches Wissen vermitteln, Methoden und Konzepte empfehlen sowie mit Modellen und Systematiken helfen können, sie resümiert jedoch: „Als Mentoren sind die Unternehmer für die Start-ups in der Regel glaubwürdiger, denn sie haben eigene Geschäftsmodelle entwickelt und Gründungserfahrung. Sie haben die Probleme für ihr Unternehmen bereits gelöst.“

Überzeugungsarbeit ist gefragt, und so wünscht sie sich noch mehr Veranstaltungen, auf denen Netzwerkpartner und Gründer mit etablierten Unternehmen zusammengebracht werden. Durch das Feedback, das sie von den Gründern erhält, stellt sie fest: „Start-ups fühlen sich oft alleingelassen.“ Vielleicht wäre die Schaffung einer Plattform, sei es ein Inkubator oder ein Innovationshub, in der diese Begegnungen stattfinden könnten, ein erster Schritt und damit zugleich eine schöne Kooperation zwischen dem Lehrstuhl und der Wissenschaftstransferstelle.

Auf die Frage „Wie sollte ein gründungsinteressierter Newcomer vorgehen?“ denkt Christine Volkmann nicht lange nach und antwortet: „Erst einmal könnte er/sie bei uns studieren. Wir haben in der Schumpeter School of Business and Economics eine hervorragende Ausbildung. Ein Schwerpunkt der Lehre und Forschung liegt in den Bereichen Innovation, Unternehmertum und wirtschaftlicher Wandel. Diese Ausrichtung steht im Einklang mit einer der Profillinien der Bergischen Universität. Wir bieten in diesen Bereichen viele Optionen für Studierende, sowohl im Bachelor- als auch Masterstudium an. Im Jackstädtzentrum für Unternehmertums- und Innovationsforschung besteht darüber hinaus die Möglichkeit, die Themen in der Forschung zu vertiefen.“

Wuppertal als Standort erweist sich zudem für Gründungen vorteilhaft, wie eine empirische Untersuchung einer ihrer Doktorandinnen kürzlich nachgewiesen hat. Ein Standortvergleich ergab, dass Wuppertal aufgrund der gezielten Förderung vor Ort sowie der umfangreichen Zusammenarbeit der Akteure des unternehmerischen Ökosystems ein guter Standort für nachhaltige Unternehmensgründungen ist.

Zudem ist es ein Herzensanliegen von Professorin Volkmann, die Arbeit der UNESCO zu unterstützen. Als ausgezeichneter UNESCO-Lehrstuhl für Entrepreneurship und Interkulturelles Management bietet der Lehrstuhl die Möglichkeit, in internationalen UNESCO-Netzwerken und Projekten mitzuwirken. Den Rahmen für diese Tätigkeiten bilden stets die United Nations Sustainable Development Goals (SDG’s), an deren Erreichung der Lehrstuhl mitwirken möchte. In diesem Sinne ist es Christine Volkmann wichtig hervorzuheben: „Nachhaltiges, soziales und kulturelles Unternehmertum kann einen wesentlichen Beitrag zur verantwortungsvollen und tragfähigen wirtschaftlichen Entwicklung einer Region leisten“.

Klick auf das Bild: Podcast über einen Impulsvortrag von Prof. Volkmann beim Bergischen Innovations- und Bildungskongress startet.

Die universitäre Bildung im Kontext von Unternehmertum nimmt hierbei insbesondere auch unter interkulturellen Aspekten eine Schlüsselrolle ein. In diesem Zusammenhang arbeitet der Lehrstuhl aktiv an internationalen Kooperationen mit klarem Nachhaltigkeitsbezug. Ein aktuelles Beispiel in diesem Zusammenhang ist eine für den Sommer 2018 geplante Exkursion mit Studierenden nach Südafrika zum Thema soziales Unternehmertum in Kooperation mit lokalen Partnern in Stellenbosch.

Unermüdlich setzt sich Volkmann seit nunmehr fast zehn Jahren an der Bergischen Universität für Start-ups ein und erkennt in den Digitalen Gründungen auch die Zeichen der Zeit. Auf dem letzten Bergischen Innovations- und Bildungskongress hat sie kürzlich einen Impulsvortrag zum Thema „Unternehmerische Ökosysteme im Kontext der Digitalen Transformation im Bergischen Land“ gehalten (https://podcast.uni-wuppertal.de/wp-content/uploads/2017/11/Innovationskongress_Volkmann_720px_2.mp4).

„Uns fehlen nach dem jüngst veröffentlichten Hochschul-Bildungs-Report 95.000 Datenspezialisten und 24.000 Lehrer an Schulen für das Pflichtfach Informatik“, sagt sie und fügt hinzu, „das ist das, woran wir arbeiten müssen. Wir sind im Vergleich zu den USA relativ spät auf diesen Zug aufgesprungen, aber es ist nicht zu spät. Wir haben auch mit den Entrepreneurship-Lehrstühlen erst Ende der 1990er Jahre begonnen und im internationalen Vergleich enorm aufgeholt. Die junge Generation hat eine positive Einstellung zum Unternehmertum und zur Digitalisierung. Sie finden Gründungen hip. Früher war schon die Lehre anders ausgerichtet. In den Lehrveranstaltungen wurden Großunternehmen, aber keine Start-ups behandelt. Dies hat sich grundlegend gewandelt.“

Unternehmensgründungen werden wertgeschätzt. Jungunternehmer haben Freude an Selbstverantwortung und der Realisierung eigener Ideen. Und selbst ein Scheitern hat in weiten Teilen der Bevölkerung keine gesellschaftliche Ächtung mehr zur Folge. „Wenn es nicht klappt“, sagt sie, „dann war es wenigstens ein Versuch, der beim zweiten Mal dann vielleicht auch gelingt!“

UWE BLASS

Weitere Transfergeschichten unter
https://www.transfer.uni-wuppertal.de/transfergeschichten.html

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Prof. Dr. Christine K. Volkmann studierte Betriebswirtschaftslehre an der Justus- Liebig-Universität in Gießen. Sie promovierte im Bereich Unternehmensplanung bei Prof. Dr. Dietger Hahn. Praxiserfahrung sammelte sie in der strategischen Konzernentwicklung. In 2008 übernahm sie die Leitung des Lehrstuhls für Unternehmensgründung und Wirtschaftsentwicklung an der Schumpeter School of Business and Economics der Bergischen Universität Wuppertal. Seit 2010 ist sie dort auch Inhaberin des UNESCO-Lehrstuhls für Entrepreneurship und Interkulturelles Management.