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Universität zwischen Autonomie und Abhängigkeit: Rückblick auf die Podiumsdiskussion in der CityKirche

Sind Deutschlands Universitäten hinreichend autonom? Sollten sie überhaupt autonom sein? Oder ist eine gewisse Abhängigkeit von anderen Institutionen durchaus begrüßenswert? Diese Fragen standen im Zentrum einer Diskussionsrunde in der CityKirche Elberfeld. Auf dem Podium nahmen Platz: Prof. Dr. Jürgen Mittelstraß (Direktor des Wissenschaftsforums Konstanz), Prof. Dr. Rudolf Stichweh (Direktor des Forums Internationale Wissenschaft, Bonn), Prof. Dr. Uwe Schneidewind (Präsident des Wuppertal Instituts), Prof. Dr. Lambert T. Koch (Rektor der Bergischen Universität Wuppertal) sowie Prof. Dr. Rita Casale und Prof. Dr. Gabriele Molzberger (Bergische Universität). Die Rolle der Moderatorin übernahm Prof. Dr. Maria Behrens vom Interdisziplinären Zentrum für Transformationsforschung und Nachhaltigkeit. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Zentrum für Weiterbildung der Uni Wuppertal.

Prof. Dr. Lambert T. Koch, Prof. Dr. Gabriele Molzberger, Prof. Dr. Jürgen Mittelstraß, Prof. Dr. Marie Behrens, Prof. Dr. Rita Casale, Prof. Dr. Rudolf Stichweh und Prof. Dr. Uwe Schneidewind (v.l.).
Foto Sebastian Jarych

„Universitäten brauchen Autonomie um ihre vier zentralen Aufgaben zu erfüllen: Forschung, forschungsnahe Lehre, Pflege von Fächern und Disziplinen sowie Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses“, hob Prof. Jürgen Mittelstraß hervor. „Partikulären Interessen darf sie sich nicht unterwerfen.“ Allerdings würden sich die Universitäten langsam verändern, ohne sich dessen bewusst zu sein – zum Beispiel durch ihre Konzentration auf Drittmittelförderungen. Eine gefährliche Entwicklung, so der Wissenschaftler.

Dass die Universitäten vergleichsweise autonom, aber – u.a. mit Blick auf die Zahl ihrer Professorinnen und Professoren – strukturell geschwächt seien, stellte Prof. Rudolf Stichweh heraus. Zugleich beurteilte er das massive Entstehen von außeruniversitären Forschungsinstitutionen kritisch. „In keinem anderen Land hat diese Entwicklung so stark stattgefunden“, sagte der Wissenschaftler. „Sie schwächt die deutschen Universitäten massiv, die nicht zuletzt aus diesem Grund bei weltweiten Rankings keine herausragende Rolle spielen.“

Prof. Lambert Koch betrachtete die Thematik durch die Brille des Rektors. „Die Institution Universität kann immer nur einen bestimmten Grad an Autonomie realisieren“, erklärte er. „Seit ihrem Entstehen im späten Mittelalter gab es immer auch Abhängigkeiten, zunächst von der Kirche, dann vermehrt vom Staat und beginnend im 20. Jahrhundert zusätzlich von der Wirtschaft. Mal mehr, mal weniger wurde und wird Druck auf die Universitäten ausgeübt.“ Die Hochschulleitung übernehme insofern die Rolle der Druckkammer und müsse entscheiden, wie viel dieses Drucks nach innen weitergegeben werde. Eine gewisse Abhängigkeit von gesellschaftlichen Institutionen sei freilich sogar begrüßenswert, um Universitäten davor zu bewahren, nur um sich selbst zu kreisen.

Die Podiumsdiskussion fand in der CityKirche Elberfeld statt.
Foto Sebastian Jarych

Ein solches Inbeziehungsetzen ist in den Augen von Prof. Uwe Schneidewind ein Belebungsprogramm – sowohl für die Universitäten als auch die Gesellschaft. „Wissenschaft muss sich ständig fragen, ob sich neue Anforderungen an sie ergeben“, so der Präsident des Wuppertal Instituts. Er schloss mit dem Appell, deshalb gezielt eine aktive Beziehung nach „draußen“ einzugehen.

Prof. Dr. Rita Casale sah im Hinblick auf gegenwärtige populistische, antiakademische Tendenzen und die weit verbreitete instrumentelle und moralistische Haltung gegenüber dem wissenschaftlichen Denken die Gefahr eines gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Rückfalls hinter die Errungenschaften der liberalen Gesellschaft. Für die Universität käme es darauf an, ihr eigenes Verständnis von Wissenschaft zu hinterfragen, wenn Bildung eine Wissensform zugrunde liegen solle, die nicht rein von Macht- und Marktverhältnissen bestimmt werde.

In diesem Sinne mochte Prof. Dr. Gabriele Molzberger, sowohl bezüglich ihrer Professur mit dem Schwerpunkt Berufs- und Weiterbildung als auch in ihrer Funktion als wissenschaftliche Direktorin des Zentrums für Weiterbildung, die Einbeziehung der Weiterbildung in das Programm der Universität nicht grundsätzlich als Verlust der universitären Autonomie verstehen. Weiterbildung scheine zwar ein Einfallstor für nachfrageorientierte und kostenpflichtige Bildungsangebote an den Universitäten zu sein, könne aber auch als „Schleuse“ begriffen werden für eine iterative forschungsorientierte wissenschaftliche Bildung, die Menschen zukünftig in unterschiedlichen Lebensphasen immer wieder an die Universität zurückführe. Das Verhältnis zwischen Universität und Weiterbildungssektor sei nicht als ein substituierendes, sondern als ein komplementäres zu verstehen.

Die Podiumsdiskussion unter dem Titel „Die Unabhängigkeit der Wissenschaft als Voraussetzung der Autonomie der Universität“ bildete den Abschluss der Ringvorlesung „Wozu Universität?“ im Studium Generale der Bergischen Universität. Zum Sommersemester wird diese Reihe fortgesetzt – und zwar unter der Überschrift „Jenseits der Universität“.

Einen ausführlicheren Bericht zu der Veranstaltung finden Sie auf den Seiten des Zentrums für Weiterbildung unter https://www.zwb.uni-wuppertal.de/studium-generale/aktuelles.html.