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BERGISCHE TRANSFERGESCHICHTEN
„Am Anfang war das Chaos“: Die Mathematikerin Professor Dr. Barbara Rüdiger und das Tanztheaterprojekt

„Man muss mutig sein“, sagt Prof. Dr. Barbara Rüdiger und erzählt begeistert von ihrem ersten Tanztheaterprojekt, dass sie neben ihrer Tätigkeit als Stochastikerin der Fakultät für Mathematik und Naturwissenschaften an der Bergischen Universität in Wuppertal realisiert hat.

Foto ZIM / Paul D. Nick

Bei der Frage, wann sie denn selber zum letzten Mal getanzt habe, kommt die italienisch-deutsche Wissenschaftlerin ins Grübeln; aber ihr Ansatz war ja auch ein anderer und die Geschichte, die zur Aufführung ihres Projektes „Am Anfang war das Chaos“ in der Wuppertaler Immanuelskirche führte, ist nicht minder spannend.

Angefangen hatte alles, als die Studentin Barbara Rüdiger von der Universität Tor Vergata in Rom eine Doktorandenschule besuchte. Dort waren die bekanntesten europäischen Boltzmannexperten eingeladen und sie konnte mit diesen diskutieren über Ludwig Eduard Boltzmann (1844-1906), den österreichischen Physiker und Philosophen, dessen bedeutendsten Leistungen im Bereich der Thermodynamik und statistischen Mechanik liegen.

Nach ihrer Übersiedlung nach Deutschland, erhielt Barbara Rüdiger alsbald eine Juniorprofessur in Koblenz. Und wieder holte sie das Thema Boltzmann ein: „Als ich in Koblenz war, haben wir Juniorprofessoren entschieden, gemeinsam einen Vortrag zu einem bestimmten Thema zu halten. Die Juniorprofessoren waren Theologen, Germanisten, Informatiker und Medienwissenschaftler. Der Theologe hat das Thema `Die Zeit´ vorgeschlagen. Und da kam mir die ganze Diskussion über die nicht Umkehrbarkeit der Zeit wieder in den Sinn, die Boltzmann als Mathematiker, Physiker und Philosoph formuliert hat“.

Sie stellte in ihrem Vortrag die Theorie von Boltzmann vor, die sie so vereinfacht erklärte, dass die fachfremden Kollegen es verstehen konnten. Heute gehört die Boltzmann-Gleichung zu den Lieblingsthemen ihrer Grundlagenforschung.

„So hat es angefangen“, sagt die Wissenschaftlerin, die sich dann auf eine Professur in Wuppertal bewarb und hier seit 2009 die Arbeitsgruppe Stochastik leitet. Stochastik bedeutet übersetzt „Die Kunst des Vermutens“ und auch einen Lottogewinn kann Rüdiger voraussagen. „Ich kann sagen, wie groß die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen ist, wenn man auf eine bestimmte Zahl setzt. Es geht nur darum, alle Möglichkeiten auszurechnen. Ich kann auch sagen, dass wenn man diese gleiche Zahl immer wieder spielt, man in einer endlichen Zeit auch gewinnt. Das Problem dabei ist, dass es sehr lange dauern könnte und dass vielleicht die Kinder oder Enkel beauftragt werden müssten, die Zahl weiterzuspielen. Und dann wird mit Sicherheit jemand gewinnen.“

In Wuppertal hielt sie schon bald einen Vortrag im Rahmen einer Veranstaltung der Freunde und Alumni der Bergischen Universität (FABU), für den sie Auszüge aus einem Pina-Bausch-Dokumentarfilm benutzte, um die Dynamik in einer Gleichung zu veranschaulichen. Unermüdlich setzt sie sich für die Leistung des Wissenschaftlers Boltzmann ein, dessen Theorie man zu seiner Zeit in Fachkreisen kontrovers diskutierte oder gar ablehnte und die noch heute in der Allgemeinbildung nicht zufriedenstellend bekannt ist.

Über Umwege lernte sie schließlich Mitstreiter kennen, die ihr bei der gestalterischen Umsetzung ihres Projektes halfen. Mit Jean Laurent Sasportes, einem Choreographen und Pina-Bausch-Tänzer sowie dem Filmemacher und Fotografen Ralf Silberkuhl entstand so ein Team, das gemeinsam an der Umsetzung arbeitete.

Um was geht es eigentlich bei der Boltzmann-Gleichung? Einfach gesagt beschreibt die Gleichung, wie sich Moleküle bei Ortsveränderungen und Geschwindigkeitsveränderungen verteilen, wenn ein Gas sich im Vakuum ausbreitet. Um das zu verstehen, hat die Mathematikerin mit Choreograph, Filmer und den Tänzern viele Gespräche führen müssen. Dabei veränderten sich die Strukturen immer wieder, doch irgendwann kam der Punkt, wo alle in die gleiche Richtung arbeiteten. „Und dann“, sagt sie, „war das Projekt in den Händen des Choreographen und der Digitalkamera, und ich wurde mehr zum Betrachter und Kommentator.“

Ursprünglich war das Projekt aus finanziellen Gründen nur mit zwei Tänzern geplant. Aber um Moleküle in Bilder umzusetzen, braucht es mehr Darsteller. Und so kamen weitere zwei Tänzerinnen und rund 20 Statisten dazu, von denen einige sogar schon Theater- und Tanzerfahrungen hatten. Auch Studierende konnten an diesem Projekt partizipieren. Rüdiger involvierte sie durch ein freiwilliges Seminar im Vorfeld. „Ich wollte, dass es freiwillig ist, es sollte nicht mit Scheinen verbunden sein. Dann hätte ich meinen Spaß verloren und das wäre nicht gut gewesen“, sagt sie.

Durch den Beitrag einer Studentin in der „Kästchenszene“ des Stückes, konnte der Choreograph die Situation effektiver weiterentwickeln. Eine andere Studentin hat die historischen Hintergründe zusätzlich ermittelt, ein weiterer Student übersetzte vieles ins Englische. So band sie – ähnlich eines Service Learning Programms - Studierende in ein Transferprojekt direkt mit ein und beschreitet damit auch neue Wege in der Lehre.

Im Auftrag der Wissenschaftstransferstelle entstand ein Film des Zentrums für Informations- und Medienverarbeitung (ZIM) über das Tanztheaterprojekt.
Bitte Klicken Sie dafür auf das Bild!

Am Anfang war das Chaos

So entstanden am Premierenabend getanzte Gegensätze, immer gleiche Bewegungsabläufe unterschiedlicher Darsteller, eine Spielszene, die sich nach kurzer Vorwärtsaufbauphase in eine Rückwärtsabbauphase entwickelt, oder zuckende Moleküle, die den dunklen Kirchenraum erhellen sowie eingeblendete Formeln, Lebensdaten oder Leidenschaften – Boltzmann war Schmetterlingssammler –, die die Atmosphäre unterstützten.

Die Begeisterung an beiden Aufführungen war riesig. Dazu die Projektleiterin: „Es gab langanhaltenden Applaus und ich habe viele E-Mails bekommen mit der Bitte, das Projekt weiter zu führen. Das Bedürfnis, Kunst und Wissenschaft in solchen Vorstellungen zu verbinden und vielleicht auch für Schulen zugänglich zu machen, wurde darin häufig formuliert. Das hat mich sehr gefreut.“

Nach erfolgreicher Premiere sind natürlich auch neue Pläne schon im Kopf. Denkbar wäre für sie etwa ein Projekt im Bereich der Finanzmathematik, dass man sehr gut visualisieren könnte.

Resümierend sagt Professor Rüdiger: „Ich glaube, es gibt viel mehr Kontaktpunkte zwischen Kunst und Wissenschaft als man sich vorstellt. Allerdings braucht man immer finanzielle Mittel, vor allem um ein neues Projekt anzufangen. Das ist ein großer Kampf und man muss mutig sein.“  

UWE BLASS

Weitere Transfergeschichten unter
https://www.transfer.uni-wuppertal.de/transfergeschichten.html

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Prof. Dr. Barbara Rüdiger studierte Mathematik an den Universitäten La Sapienza und Tor Vergata in Rom. In Deutschland arbeitete sie zunächst mit verschiedenen Stipendien bei Prof. Dr. Sergio Albeverio in Bochum und Bonn. Danach erhielt sie eine Juniorprofessur an der Universität Koblenz-Landau und bewarb sich von dort auf eine ordentliche Professur in Wuppertal. Hier leitet sie in der Fakultät für Mathematik und Naturwissenschaften seit 2009 die Abteilung Stochastik.