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BERGISCHE TRANSFERGESCHICHTEN
2000 mal am Tag: Blättern, lesen, arbeiten…
Unibibliotheksdirektor Uwe Stadler und die Vielfalt der Buchkultur

„Q“ ist der Titel eines historischen Romans des Schriftstellerkollektivs Luther Blissett (jetzt als Wu Ming bekannt), der im 16. Jahrhundert spielt. Darin geht es um Bauernkrieg, die Reformationszeit und päpstliche Spione, alles sehr schön belletristisch aufgearbeitet. Ein Buch, das sich um die Macht des Wortes dreht und den Bibliotheksdirektor der Bergischen Universität Wuppertal, Uwe Stadler, in seiner Freizeit beschäftigt.

Uwe Stadler
Foto Wissenschaftstransferstelle / Iris Rudolph

Der studierte Sozialwissenschaftler leitet seit 2006 die Geschicke der Universitätsbibliothek, hat selbstverständlich einen eigenen Leihausweis – dessen Nummer er sogar auswendig weiß – und beschreibt die Aufgaben seiner Zentralen Einrichtung folgendermaßen: „Die Bibliothek ist zunächst einmal zuständig für die Literatur- und Informationsversorgung der Hochschulangehörigen der Universität Wuppertal. Das ist die primäre Zielgruppe; also Studierende, Beschäftigte, Wissenschaftler. Das ist bei uns in der Verwaltungs- und Nutzungsordnung so festgelegt. Darüber hinaus sind wir natürlich auch für die Stadt und die Bürgerinnen und Bürger zugänglich.“

Zwischen 2000 und 3000 Besucher nutzen täglich das Angebot des Büchertempels und stellen die rund 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter häufig vor eine immense logistische Herausforderung. Neben den Kolleginnen und Kollegen, die für die Nutzer sichtbar an der zentralen Information, den Auskunftstheken und der Leihstelle arbeiten, kommen in den verschiedenen Dezernaten weitere Bedienstete dazu, die sich u.a. um die Erfassung, Katalogisierung, Buchbearbeitung sowie den Erwerb von Buchexemplaren und elektronischen Medien kümmern. In Zahlen ausgedrückt verweist Stadler auf den aktuellen Rektoratsbericht, der allein einen Buchneuzugang von sage und schreibe 15.000 Exemplaren für 2017 benennt. Und auch die Kriterien, nach denen an der Bergischen Universität angekauft wird, sind klar geregelt. „Die Buchauswahl ist festgelegt in der Verwaltungs- und Benutzungs­ordnung“, sagt er, „die Auswahl treffen die Fachreferenten in der Bibliothek in Kooperation mit den Fakultäten. Es gibt also in jedem Fach an der Hochschule auch noch einen Bibliotheksbeauftragten, und dieser kooperiert mit unseren Fachreferen­ten bei der Auswahl der zu beschaffenden Bestände. Neben der Bearbeitung der Vorschläge aus den Fakultäten ist es Aufgabe der Fachreferenten der Bibliothek, den wissenschaftlichen, aktuellen Grundbestand an Literatur selbständig und dauerhaft zu pflegen."

Blick in die Bibliothek
Foto Christian Lord Otto

Einen Schwerpunkt der vorhandenen Literatur sieht der gebürtige Fürther – „bedingt durch die Ökonomisierung der Gesellschaft in den letzten Jahren“ – im Bereich der Wirtschaftswissenschaft mit all seinen interdisziplinären Verbindungen. „Sie werden feststellen, dass sowohl in der Lehrbuchsammlung, als auch bei den elektronischen Beständen die wir haben, die wirtschaftswissenschaftlich affinen Bestände tatsächlich einen sehr hohen Stellenwert haben.“ Aber auch in andere Bereiche wurde ordentlich investiert. So kann die Bibliothek die Anforderungen der School of Education und den relativ neuen Bereich der Sonderpädagogik, um nur zwei Beispiele zu nennen, gut unterstützen. Stadler nennt sie „kleine, neue Bestandsinseln“, die sehr intensiv wachsen.

Blick ins geheime Rara-Magazin

Sehr kostbare, seltene, auch verbotene und dadurch nicht für jedermann zugängliche Werke vereint er unter seinem Dach. In einem gesondert gesicherten, klimatisch temperierten Raum, für den nur wenige Mitarbeiter einen Zugang besitzen, beherbergt die Bibliothek u.a. zwei wertvolle Inkunabeln – Druckwerke mit beweglichen Lettern aus den ersten fünfzig Jahren des Buchdrucks zwischen 1454 und 1500. Zwei weitere Spezialbestände umfassen die für die Hochschule angeschaffte Privatbibliothek Franz Kafkas sowie den kompletten Nachlass des irischen Schriftstellers Walter Macken. Und auch die aus der Presse bekannte Plagiatsdoktorarbeit des ehemaligen Verteidigungsministers zu Guttenberg, die andere Universitäten aus ihrem Bestand entfernt haben, weil sie keinen akade­mischen Wert besitzt, liegt verschlossen in Wuppertals sogenanntem Rara-Magazin.

Für einen weiteren 15.000 Bände umfassenden Buchbestand des früheren NRW-Landesvaters und ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau wird in den kommenden Jahren eine neue, eigene Bibliothek, die sogenannte Johannes-Rau-Bibliothek, auf dem Campus Freudenberg errichtet. Momentan lagert die umfang­reiche Sammlung, die seit anderthalb Jahren neu gesichtet, aufgearbeitet und erfasst wird, noch in einem Hinterzimmer der Bibliotheksdependance am Freudenberg.

Der Platzbedarf ist da, allein es fehlt an Räumen; ein Los, das Stadler mit seinen Amtskollegen in NRW teilt. Um aber aus der Not eine Tugend zu machen, wird vor allem im Bereich der Periodika, also bei den gedruckten Zeitschriften, sukzessive ausgesondert. „D.h., wir haben komplementär zu den genannten 15.000 Neuzugängen auch etwa in ähnlicher Größenordnung Abgänge im Jahr. Aufgrund der engen Situation versuchen wir also, unter Beachtung der Kriterien Dubletten und elektronische Verfügbarkeit ein Nullwachstum herzustellen.“ Dies alles geschieht im engen Benehmen mit der Bibliothekskommission, einem vom Senat der Universität gewählten Gremium. Für NRW sorgen Stadler und seine Bibliothekskollegen dafür, dass „wir immer noch ein Printexemplar im Lande haben.“

Der Lesesaal
Foto Bergische Universität Wuppertal

2012 wurde der neue Lesesaal, eine Rotunde modernster Architektur über den Räumen der Bibliothek, als zusätzliches Stockwerk mit einem atemberaubenden Blick ins Tal eröffnet. Eine Investition, die nicht nur eine wunderbare Lernatmosphäre schafft, sondern den gesamten Campus aufwertet. Aus Studienbeitragsmitteln seinerzeit finanziert kommt dieser Ausbau zu 99 Prozent den Studierenden zugute. „Das ist ein sehr sinnvolles Projekt gewesen. Man konnte diese Mittel, die zur Verfügung standen, optimal im Sinne der Zweckbindung verwenden.“ Stadler weiß auch um die Kritikpunkte, sagt aber: „Die Diskussion um Lautstärke, um Intensität von Gruppenarbeit, das ist für mich alles nicht negativ, sondern das zeigt nur, dass das ein lebendiger Prozess ist. Und das Ganze hat sich vollauf gelohnt.“

Und auch Bürgerinnen und Bürger können das Angebot der Universitätsbibliothek wahrnehmen. Dazu sagt der verheiratete Familienvater: „Man kommt bei uns hier oben im Eingangsbereich an und legt seinen Personalausweis an der zentralen Information vor. Da wird dann zeitnah ein Ausweis erstellt. Wir haben uns dazu entschieden, diesen Service kostenfrei zu halten.“ Einschränkungen sieht Stadler nur für die elektronischen Medien, die aufgrund von Lizenzverträgen nur von Hochschulangehörigen, auch von zu Hause aus, abrufbar sind. Die Öffnungszeiten sind mittlerweile bis 22.00 Uhr ausgedehnt worden, und „mehr ist momentan für uns nicht machbar“, sagt er, wissend, dass viele andere Bibliotheken den Sonntag bereits auch anbieten. Dafür veranstaltet er seit einigen Jahren Lesungen mit namhaften Künstlerinnen und Künstlern, Autorinnen und Autoren, die ein interessiertes Stadtpublikum selbst in den Abendstunden wieder auf den Campus locken. In diesem Jahr hat Stadler beispielsweise die renommierte Journalistin und Autorin Christine Westermann eingeladen. Die Lesung findet am 8. November statt.

Von der konventionellen zur digitalisierten Bibliothek

Und wie geht die Bibliothek mit der Digitalisierung um? Dazu der Leiter: „Wir haben ja 1999 angefangen, hier bei uns ein neues Dezernat einzurichten. Digitale Bibliothek als neues Bibliotheksdezernat. Das waren Dinge wie digitale Bibliotheksrecherchen und Datenbanken. Dann kamen sukzessive die E-Books und die E-Journal-Einführung dazu. Wir entwickeln uns immer mehr weg von der konventionellen Bibliothek zur digitalisierten Bibliothek, gerne auch hybride Bibliothek genannt.“ Das bedeutet allerdings nicht ein Lesen ohne Haptik. „Natürlich brauchen wir weiter gedruckte Bücher. Wir haben ja auch ausgewiesen buchaffine und buchorientierte Wissenschaften, z.B. den Schwerpunkt Editionswissenschaften. Da ist die Arbeit am Buch ganz wichtig. Für das wissenschaftliche Arbeiten, historische Arbeiten, da muss man wirklich das Exemplar vor sich liegen haben. Je älter die Bestände, desto wichtiger ist dies.“

Trotz aller Digitalisierung berichtet er: „Wir haben auch immer wieder Rückmeldungen von Studierenden, die sagen, dass sie es selbst beim Vorhandensein von elektronischen Ausgaben häufig noch bevorzugen würden, in dem konventionellen Exemplar zu blättern, zu arbeiten und zu lesen.“

In der nächsten Zeit freut sich der passionierte Leser auf den Folgeroman des eingangs genannten Buches. „Altai“, so der Titel, schließt nahtlos an den Vorgänger „Q“ an, und auch darin kämpfen die Rebellen mit der unschlagbaren Macht des Wortes. Für Uwe Stadler selbstverständlich in gebundener Form.

UWE BLASS

Weitere Transfergeschichten unter
www.transfer.uni-wuppertal.de/transfergeschichten.html

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Uwe Stadler leitet seit 2006 die Wuppertaler Unibibliothek. 1961 in Fürth geboren, studierte er Sozialwissenschaften mit politikwissenschaftlichem Schwerpunkt in Duisburg, war nach Diplom und Bibliotheksreferendariat in Bielefeld und Köln als Bibliotheksrat an der Technischen Informationsbibliothek in Hannover tätig und kam 1994 als Fachreferent für die erziehungs- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächer nach Wuppertal. Wenig später wurde er Leiter des Dezernats für Digitale Bibliothek und Neue Medien. 2004 wurde Stadler stellvertretender Direktor der Universitätsbibliothek.