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Transfergespräch zum internationalen Tag des Jazz:
Die eigentliche Musik des 20. Jahrhunderts ist auf den Baumwollfeldern entstanden

2011 rief die 36. Generalkonferenz der UNESCO den Internationalen Tag des Jazz ins Leben. Er wird jährlich am 30. April mit diversen Gedenk- und Aktionstagen begangen. Damit soll an die künstlerische Bedeutung des Jazz und die weltweiten kulturellen Auswirkungen erinnert werden. Grund genug für den UniService Transfer, bei den Fachleuten der Bergischen Universität einmal anzuklopfen. Mit Christa Warnke, künstlerische Angestellte für Stimmbildung/Gesang, und Thomas Rückert, künstlerischer Angestellter für Klavier, sprachen wir im Musiksaal der Bergischen Universität.


Als eine der ersten Formen populärer Musik, verbreitete sich der Jazz im 20. Jahrhundert weltweit. Aber wo kommt er her? Wie entstand er? Dazu Thomas Rückert: „Meiner Meinung nach ist der Jazz aus einer Verbindung von Blues und Swing entstanden. Das waren quasi der Vorläufer. Und Blues und Swing wiederum kommen aus der Zwangsheirat der traditionellen afrikanischen Musik und der traditionellen klassischen Musik.“ Den Blues beschreibt er dabei als „das, was die Arbeiter und Sklaven auf den Baumwollfeldern gesungen haben“, jedoch mache das noch nicht den Jazz aus. Denn, so fährt er fort, „Jazz hat ganz viel mit Improvisation zu tun.“ Und doch liegt im Blues vielleicht die Wurzel dieser neuen Strömung. Christa Warnke denkt da vor allem an die „Sklavenverschleppung von Afrika“, durch die das tiefe Leid in die neue Welt gelangt ist. „Ich glaube auch“, sagt sie, „dass das mit ein Grund war, dass daraus so eine starke Kraft entstand. Also zuerst der Tod und dann eine neue Kraft, die das Zeug hat, weltweit zu wirken.“ Der Blues verfügt dabei noch nicht über die komplexe Harmonik, die den Jazz ausmacht, denn, so erklärt Rückert, „der diatonische Anteil – also übersetzt, der Anteil der klassischen Akkorde, die Harmonik generell, die Dur-Moll Tonalität – hat sich mit dem Blues noch nicht verbunden“. Erst im Jazz findet diese Verschmelzung statt.

Warnke bringt den Swing ins Spiel, der mit Duke Ellington und der Gründung von Big Bands weltberühmt wurde, den Rückert aber auch als Vorläufer sieht, da er noch einen großen Anteil an Tanzmusik hat. Die Chronologie der Entwicklung, das zeigt sich im Gespräch, ist nicht eindeutig zu definieren. „Es gibt Leute“, sagt Rückert, „die sagen, das fängt an mit Scott Joplin* und dem Jazzklavier.“ Für ihn selber beginnt der Jazz jedoch da, „wo wirklich erkennbar ist, dass diese Dur-Moll-Tonalität, unser westlicher Anteil, sich mit dem Blues noch mehr vermischt hat“. Und auch den Swing empfindet er eher als „Unterhaltungsmusik“, die noch nicht die Auswirkungen zeigt, die durch den Jazz ausgelöst werden.

Warum konnte sich Jazz durchsetzen?

Dass der Jazz sich überhaupt durchsetzen konnte, liegt vielleicht auch an der Tatsache, dass viele klassische Komponisten des beginnenden 20. Jahrhunderts nicht wussten, in welche Richtung sich die Musik entwickeln sollte. Dazu Thomas Rückert: „Wenn man bedenkt, dass Leute wie Schönberg oder Strawinsky an ihren Schreibtischen saßen und überlegt haben, wie es denn mit der Musik weitergehen könnte“, entstand fast „nebenbei, die eigentliche Musik des 20. Jahrhunderts auf den Baumwollfeldern; und zwar aus dem Leid der Schwarzen, in Verbindung mit unserer traditionellen, klassischen Musik.“ Eine Musik, findet der Pianist Rückert, die von der klassischen Elite ziemlich ignorant behandelt wurde, denn, so ergänzt er, „dass da etwas komplett Neues entstanden ist, eine neue Tonleiter, ein neuer Modus, wo die Impressionisten und die Avantgarde nach suchten, praktisch vor der eigenen Nase,“ konnte man schon deshalb nicht akzeptieren, „weil diese Strömung von einer niederen, menschlichen Klasse oder Rasse, wie es damals betrachtet wurde,“ ausging.

Foto Colourbox

Für Christa Warnke, die seit 2005 als künstlerische Angestellte für Stimmbildung und Gesang an der Bergischen Universität arbeitet, ist im Jazz vor allem „die Grundlage und Tradition wichtig, die der Jazz hergegeben hat“, und die ihn von der reinen Improvisation unterscheidet. Dazu ergänzt Rückert: „Es gehört der Swing zum Jazz und das amerikanische Songbook. Für die Zuschauer haben auch die Songs der 40er Jahre in den Musicals eine große Tradition.“ Und über eben diese Standards entstehen dann die Improvisationen. Diese Grundlage wiederum versteht Rückert als Wurzel, aus der ein Baum wächst, der sich verästelt. Und diese Äste können auch aus indischer, persischer und afrikanischer Musik bestehen.

Wie beschreibt man den Jazz am besten? Thomas Rückert formuliert es ähnlich wie der Saxophonist Lee Konitz, der ganz einfach sagt: Don`t play what you know.“** „Das Schönste am Jazz ist das im Moment sein, dieses Improvisatorische, ohne eine Vorbereitung bzw. ohne einen Gedanken vorher zu formen. Aus dem Moment heraus, ohne invasiv zu sein, Musik entstehen zu lassen. Ohne etwas verbessern zu wollen, sich zu korrigieren. Was raus ist, ist raus. Und das hat eine große Frische, die ich einfach nicht missen möchte.“ Christa Warnke ergänzt: „Du stürzt dich in einen See und bist einfach woanders. Du kannst Dich toll erholen und es tut dir immer gut.“ Dieses Wohlgefühl vermittelt sie auch ihren Studierenden, die im 21. Jahrhundert allerdings eher musical- oder sprechgesangorientiert sind.

Warum ist Jazz nicht mehr so populär? Auch dazu hat der erfahrende Jazzpianist Rückert eine Antwort. „Es ist eine Außenseitermusik geworden. Es war lange Zeit populäre Musik, dann kamen Rhythm and Blues und haben dem Jazz den Rang abgelaufen. Wir sind auch heute nicht mehr gewohnt, viele Noten wahrzunehmen.“ Aus leidvoller Erfahrung weiß er, der viele Jahre auch in Hotelbars gespielt hat, dass die Leute irgendwann kommen und fragen: „Können Sie mal was mit Melodie spielen?“ Zehn bis zwanzig Töne hintereinander erkennen Zuhörerinnen und Zuhörer oft nicht als Melodie, weil der Jazz einfach sehr dicht ist. Auch die Emotionen haben sich im Laufe der Zeit geändert. „In den Songs damals war sehr viel Romantik, und heute hast du in erster Linie viel Sex in den Lyrics der Stücke. Das Verspielte und Sehnsüchtige gibt’s nicht mehr“, sagt er und betont im gleichen Atemzug: „Wer sich aber in den Jazz verliebt, der ist total verloren. Da ist einfach eine sehr, sehr tiefe Wahrheit, aber die ist nicht populär.“

Von Frauen im Jazz

Chick Corea oder Keith Jarrett gelten bereits als Jazzlegenden, und man sucht die weiblichen Pendants. Es gibt sie, meint zumindest Rückert, aber man muss sie suchen. Denn obwohl der Jazz in seiner Anfangszeit den Frauen eine Präsentationsplattform bot, lagen die Chancen eher beim anderen Geschlecht. Thomas Rückert bedauert dies und sagt: „Ich kenne sehr viele ganz, ganz tolle Sängerinnen über 50, die es nicht leicht haben, Auftritte zu bekommen, weil es eben auch sehr viele gute junge Sängerinnen gibt. Und das Jazzpublikum besteht einfach auch immer noch aus vielen Männern, die dann immer ein junges Ding sehen wollen, was sexy ist und irgendetwas performed. Aber die emotionale Tiefe und die Aussage, das liebe ich so viel mehr bei den Älteren.“ Als Beispiele nennt er Shirley Horn oder die mittlerweile 81-jährige Nancy Wilson, über deren Performance er schwärmt: „Die hat so eine Präsenz und die strahlt eine Würde aus.“

Thomas Rückert und Christa Warnke
Foto Paul Nick

Der Jazz in Deutschland

Der Jazz hat es in Deutschland nicht leicht. Rückert meint, dass liege am angekratzten Ego und erklärt: „Grundsätzlich haben die Deutschen das Problem, dass wir kulturell gesehen über so viele tolle Leute verfügen. Es gab all die tollen Komponisten. Bach, Beethoven, Brahms, das sind alles Deutsche gewesen. Dann die Schriftsteller: Goethe, Schiller usw., die haben eine so lange Tradition. Und dann kommt auf einmal so eine Musik aus Amerika, die die neue Musik ist. Ich habe das Gefühl, das hat uns richtig tief am Ego erwischt.“ Und um uns diese neue Kunstform zu eigen zu machen, versuchen wir sie „kunstvoll zu machen“. Darin sieht Rückert die eigentliche Gefahr, denn „dann geschieht es nämlich aus dem Kopf heraus, es wird künstlich. Der Jazz verkünstelt, es werden komische Sachen gemacht, und wir verlieren den Bezug zum Publikum. Und das wird (leider) unterstützt von den Kulturinstanzen; also Radio, Presse, teilweise auch von den Hochschulen.“ Das führt dann dazu, erklärt Rückert, dass Jazzmusiker Probleme haben, überhaupt gehört zu werden. Dieser Keil, führt er aus, der sich im Jazz zwischen Verstand und Gefühl verfestigt hat, kommt aus dem ständigen Anspruch, „immer etwas Besonderes machen zu wollen.“ Christa Warnke vermisst als Sängerin in diesem Zusammenhang die deutsche Sprache. „Also bei Schubert und Schumann, die sind berühmt dafür, dass sie Worte mit der Musik zusammen machen, und ich muss mich immer in Englisch ausdrücken. Ich habe schon mal darüber nachgedacht Texte auf Kompositionen zu machen, die mir gefallen, aber“, schränkt sie ein, „ich weiß nicht, ob dass diese Kraft hat“.

„Jazz ist für mich wie Nahrung“

Was löst der Jazz in einem Musiker aus? Dazu der Pianist Rückert: „Jazz ist für mich wie Nahrung. Das brauche ich wie Luft zum Atmen. Das nährt meine Seele. Das drückt meine Gefühle aus. Wenn ich Blues höre, fährt mir das durch Mark und Bein. Eine Schönheit in dem Schrecklichen zu sehen, das ist so wunderbar, dass ich das nie missen möchte. Und für mich heißt Jazz, im Moment sein, präsent sein. Es ist für mich eine zutiefst spirituelle Angelegenheit, aus dem Moment heraus zu leben. Nicht vorgefertigt zu leben, nicht vorgefertigt zu reden, nicht vorgefertigt in Kontakt mit Leuten zu kommen. Ich gehe zu niemandem, um ihn zu beeindrucken, zu manipulieren, sondern ich lasse alles so, wie es der Moment bringt.“ Und Christa Warnke ergänzt abschließend: „Es ist eine demokratische Musik. Sie verbindet. Du kannst dich mit jemandem über politische Ansichten streiten, aber wenn du zusammen Musik machst, dann begegnest du dir auf einer ganz anderen, zärtlichen Ebene. Die ist nonverbal und wird nicht vom Verstand gelenkt. Sie ist spirituell, das ist es. …es rührt.“

                                                                                                                                  Uwe Blass

Weitere Transfergespräche sind zu finden unter
https://www.transfer.uni-wuppertal.de/transferfilmbeitraege.html

*Scott Joplin (1867 - 1917) US-amerikanischer Komponist und Pianist
**Spiel nicht, was du schon kennst.
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Christa Warnke ist seit dem SS 2005 künstlerische Angestellte für das Fach Gesang mit dem Schwerpunkt Jazz Pop Rock an der Bergischen Universität Wuppertal.

Thomas Rückert arbeitet seit 2011 als hauptamtlicher, künstlerischer Angestellter für das Fach Klavier an der Bergischen Universität Wuppertal.