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Transfergeschichte mit Uni.-Prof. Erica von Moeller:
Neue Situationen, neue Themen, neue Möglichkeiten – was filmisches Erzählen ausmacht

Die Regisseurin und Professorin für Design Audiovisueller Medien in Praxis, Theorie und Vermittlung, Erica von Moeller, erreicht mit dem Medium Film vor allem eines: Menschen.


„Ich betreibe mein filmisches Arbeiten mit großer Leidenschaft“, sagt die in Köln lebende Dozentin, die durch ihren letzten Film, den sie 2014 fürs Fernsehen drehte, für Furore sorgte. Sternstunde ihres Lebens ist der Titel dieses mit Iris Berben verfilmten Stoffes, der sich mit der Verankerung der Gleichberechtigung von Mann und Frau im Grundgesetz auseinandersetzt. Ausgezeichnet u.a. mit dem Marler Medienpreis für Menschenrechte 2015 von AMNESTY INTERNATIONAL beschäftigt sich der Film mit dem langwierigen Überzeugungsprozess der SPD-Politikerin Elisabeth Selbert, die unermüdlich die Gleichberechtigung von Frauen im Parlamentarischen Rat durchsetzt.

Historische Filme, und darin wieder starke Frauen, sind ihr Thema, denn „so jemand wie die Elisabeth Selbert,“ sagt von Moeller, „die unser Leben und das Grundgesetz massiv mitgestaltet hat, ist komplett in Vergessenheit geraten.“ An dieser Stelle fühlt man schon verbal ihre Leidenschaft für dieses Genre, und wenn sie im Weiteren sagt, „man möchte ja jemanden darstellen, der gegen ganz viele Widerstände kämpft“, beschreibt sie exakt ihre Protagonistin. „Für meine filmische Arbeit ist es immer schön, wenn der Ausgangspunkt eine authentische Figur ist, z.B. eine historische Person“, führt sie aus. „Dann kommt der Prozess des Fiktionalisierens, d.h. wir nehmen ein paar Stellen, verdichten den Stoff und erzählen es dann auf den Punkt, wo sie diese große Entscheidung getroffen hat, in den Kampf zu gehen, den Artikel 3 noch mal ganz anders zu formulieren.“

Drehort Wuppertal: Das San Francisco in Deutschland

Entstanden ist ihr Film u.a. auch in Wuppertal – eine Stadt, die von Moeller zu lieben gelernt hat. „Ich finde Wuppertal bietet architektonisch wahnsinnig viel“, schwärmt sie, „auch die geographische Lage. Man spricht ja auch so ein bisschen vom San Francisco in Deutschland. Wir haben so viele Durchblicke, Ausblicke hier in Wuppertal, das ist besonders reizvoll.“ In Barmen schließlich wurde sie mit ihrem Filmteam fündig.  „Wir haben eine Kulisse gesucht, die 1948/49 erzählt. In diesem Zeitraum spielt der Film.“ Das Rathaus Barmen, das dem Museum König in Bonn, dem eigentlichen Ort der Beratung, sehr ähnlich ist, mit dem wunderbaren Vorplatz, bot der Regisseurin dazu ideale Möglichkeiten. Diese nutzt sie auch bei ihren anderen Filmen, die sie als verantwortliche Professorin für Design Audiovisueller Medien an der Bergischen Universität seit 2011 mit Studierendengruppen dreht. „Hier gibt es auch krude und abseitige, dunkle Ecken und Treppen“, sagt sie. „Wir haben jetzt eine Geschichte, die ist sehr verankert im Realismus. Und auch das kann man hier erzählen“.

Erica von Moeller, die sowohl ein wissenschaftliches Studium als auch zwei künstlerische Studien absolviert hat, kennt die Ansprüche im Filmgeschäft ganz genau und weiß das Lernfeld Universität zu schätzen. „Unser Berufsfeld ist mittlerweile so spezialisiert, dass eine fundierte Ausbildung sowohl in der Theorie als auch in der Praxis für die Berufsausübung unentbehrlich ist. Das bietet der geschützte Raum der Universität auf besondere Weise.“

Wuppertal gilt mit seinen Ausblicken als San Francisco in Deutschland.
Foto Tomas Riehle / arturimages

Der Kombinatorische Bachelor ist für filmisches Erzählen ein Geschenk

Hier kommt auch das interdisziplinäre Arbeiten zum Tragen. Daher begrüßt sie auch den Kombinatorischen Bachelor und unterstreicht: „Oft zeigt das zweite Fach den Studierenden tiefe Einblicke in eine Thematik. Die können sie im filmischen Bereich audiovisuell weiterentwickeln, damit ein Film daraus entsteht.“ Das ist ihrer Ansicht nach ein Vorteil zu Filmhochschulen, da die Themen durch den Kombi BA anders bearbeitet werden können.

Steven Spielbergs Zitat „Gute Filme können das Denken der Menschen verändern“ kann sie nur unterstreichen, denn: „Meinen Film ‚Sternstunde‘, den haben wir sehr bewusst als Fernsehfilm realisiert, weil wir versucht haben, dem Thema Gleichberechtigung eine andere, breite Öffentlichkeit zu geben. Und dann hat so ein Film fünf Millionen Zuschauer bei der Erstausstrahlung. So viele Menschen erreicht man durch kein anderes Medium. Das kann nur der TV-Film.“

Die Fernsehlandschaft verteufelt sie nicht. Im Gegenteil, sie sieht die Anstrengungen und hofft auf Nachahmererfolge, wenn die Sender erst einmal begreifen, woher die Quoten bei Plattformen wie Netflix herkommen. „Wir müssen alle gemeinsam überlegen, was Digitalisierung für das Erzählen heißt und was es heißt, dass die Filme nicht mehr nur im Kino und Fernsehen laufen.“ Den Vorteil dieser neuen durch das Netz entstandenen Medien sieht die Kommunikationswissenschaftlerin im mutigeren Erzählen und dem Aufgreifen von anderen Themen, die jüngere Generationen ansprechen. „Daraus können wir spannende Filme entwickeln“, glaubt sie, „die jetzt aus lauter Angst vor Quotenverlust nicht realisiert werden.“

Im filmischen Erzählen gibt es kein Rezept

Der Vorstellung von Studierenden, einen Film wie ein Rezept zusammenstellen zu können, tritt sie bestimmt entgegen. „Der filmische Prozess ist wahnsinnig anspruchsvoll. Es gibt so viele Disziplinen, die eine Rolle spielen. Die Stoffentwicklung, die Vorbereitung, das Drehen, die Bildgestaltung, die Inszenierung, die Postproduktion: All diese Einflüsse müssen miteinander verschränkt werden. Es ist immer wieder ein komplexer Prozess, die Wirkung des Films und das Thema zu verdichten, und das mit allen Gewerken zusammen. Wir sind immer ganz viele Beteiligte im filmischen Prozess mit vielen, tollen Ideen. Und das muss meist in der Person der Regisseurin oder des Regisseurs zusammengeführt werden. Darüber hinaus versuche ich den Studierenden mitzugeben, dass man neugierig, offen und mutig sein muss.“ Von Moeller nennt dazu ein Beispiel von den Dreharbeiten vor dem Barmer Rathaus: „Wir hatten als Eröffnungssequenz eine tolle Einstellung mit einem Kran geplant. Aber es war windig, der Kran konnte nicht fahren. Also mussten wir schnell umstellen. Wir überlegten uns dann eine Kamerafahrt auf dem Boden, in der wir uns ganz langsam von dem Rathaus entfernen. Und wir stellten fest: Die Einstellung ist visuell viel effektiver und auch etwas ganz besonders. Es geht auch beim lange geplanten Spielfilmdreh oft darum, kurzfristig zu überlegen, wie wir einen Ersatz finden. Und diese Neugier und Offenheit, sich immer wieder auf neue Situationen einzulassen, auf neue Themen, auf neue Möglichkeiten, das macht filmisches Erzählen aus. Gerade wenn etwas nicht klappt, kommt man zu erstaunlichen Lösungen.“

Besondere Lösungen erreicht sie auch bei ihren alle zwei Jahre stattfindenden Hochschulfilmprojekten, in denen sie die Studierenden in realistischen Set-Situationen einen Spielfilm herstellen und durchleben lässt. „Das heißt, dass 20 Studierende einen Film drehen, aufgeteilt in die Funktionen. In diesem Jahr haben wir sechs Regisseurinnen und Regisseure, drei Kameraleute, wir haben vier Beleuchter, fünf Leute in der Ausstattung und wir drehen on location, also an Orten außerhalb der Hochschule.“ Hauptdrehort war eine angemietete Wohnung, in der eine verbotene Liebesgeschichte erzählt wird. „Und dann haben wir ganz lange nach einer Wohnung gesucht, die dann umgebaut und neu eingerichtet wurde. Dabei ordnen wir den Figuren passgenau und mit großem Aufwand ein Szenenbild zu. Das mache ich mit den professionellen Ausstattern, mit denen ich zusammenarbeite, auch so. Und anschließend hatten wir eine 10-tägige Drehphase. Da fangen wir um 8.00 Uhr an und drehen oft bis in die Nacht.“ Die wichtigste Erkenntnis und gleichzeitig den größten Lerneffekt sieht von Moeller in der Teamarbeit. „Sie müssen sich im Team auch künstlerisch einigen. Der Film muss einen Stil, eine Ästhetik haben. Dieser Prozess birgt natürlich Konfliktpotenzial. Aber wenn sie das überwinden und zu einem Ergebnis kommen, stärkt sie das in ihrer künstlerischen Haltung und in ihrem Selbstbewusstsein.“ Ihr Fazit: „Im Regieberuf muss man seine Vision kommunizieren.“

Doch egal, wie viele Gedanken mit einem künstlerischen Projekt verbunden sind, die Kritiker stehen immer schon in Startposition, gerade beim Film. Und auch damit weiß sie umzugehen. „Es ist immer schmerzlich, wenn ein Film durch die Kritik geht“, sagt von Moeller, wobei sie historische Kritik gerne annimmt, sich aber die künstlerische Freiheit vorbehält, evtl. Kunstgriffe, die einem Film eine andere Gesetzmäßigkeit verleihen, anzuwenden.

Erica von Moeller
Foto Iris Rudolph

Warum haben es Frauen im Regiefach so schwer?

Frauen im Regiefach sind zumindest im Fernsehen unterbesetzt. Filmpolitisch aktiv hat sich die Medienkünstlerin schon 2014 um die Erhebung einer Studie bemüht, die zu dem ernüchternden Resultat kommt, dass die Regieposition im deutschen fiktionalen Fernsehen, das mit öffentlich-rechtlichen Geldern entsteht, eigentlich immer 10 Prozent Regisseurinnen und 90 Prozent Regisseure ausweist. Demgegenüber, und das ist besonders bitter, steht eine fast paritätische Ausbildungssituation. „Also wir bilden genauso viele Frauen wie Männer aus. Aber irgendwie verschwinden die Regisseurinnen und bekommen keine Arbeitsmöglichkeit vor allem im Primetime-Programm.“

Mittlerweile scheint die Studie bei den Sendern und deren Machern einiges bewirkt zu haben. Wie auch in anderen Branchen gibt es eine Sensibilität für die gendergerechte Verteilung der Aufträge. Aber trotzdem traut man die hohen Budgets der Filme zur Hauptsendezeit den Frauen oft immer noch nicht zu. Dazu von Moeller: „Ein Tatort kostet 1,5 Millionen, ein historischer Film oft über 2 Millionen Euro. Ein Beispiel, dass aber Frauen auch sehr gut mit Geld umgehen können und künstlerisch ganz herausragende Filme schaffen können, ist Maren Ade. Sie ist eine herausragende Regisseurin, die mit ihrem Film Toni Erdmann national und international viele Preise gewonnen hat. Diese Regisseurinnen gibt es. Im Kinobereich ist es schon viel besser geworden, aber der Fernsehbereich ist natürlich das, wo Regisseurinnen kontinuierlich Erfahrungen sammeln können.“

Eine weitere Schwierigkeit sieht von Moeller in den familienunfreundlichen Arbeitsphasen der Branche. „Sie werden als Regisseurin, auch im Fernsehbereich nur angefragt, wenn sie eine gewisse Vita haben. Eine Vita, die zeigt, sie haben Spielfilmerfahrung. Und das in einer Lebensphase aufzubauen, die mit einer möglichen Familiengründung einhergeht, ist natürlich schwierig. Unsere Arbeitszeiten im Filmbereich sind so eher 18 Stunden-Tage, wir haben oft gebündelt sechs bis acht Wochen und sind dann überhaupt nicht mehr für eine Familie verfügbar. Das kenne ich auch. Dafür muss auch die Filmbranche eine Lösung finden.“ Denn die Regisseurin ist sich sicher, dass mit dem filmischen Erzählen von Frauen die Gesellschaft einen ganz wertvollen, anderen Blick, eine andere Erzählweise mit einer anderen Sensibilität gewinnt, die auch dem männlichen Publikum noch eine weitere Sicht der Welt offenbart. Daher ärgert von Moeller die Situation und sagt, „mit diesem Wissen, wir bilden ja gleich aus, und unsere Ausbildung ist sehr teuer, lässt man dieses Potential brachliegen. Das ist doch auch volkswirtschaftlich total idiotisch.“

Klimawandel im Film darstellen

Die Verbindung zwischen Regiearbeit und Lehre hat überraschenderweise sogar ein neues Filmprojekt entstehen lassen. „Aktuell arbeite ich an einem Forschungsprojekt, was eigentlich aus der Hochschule herausgewachsen ist und was mich auf ein neues thematisches Feld katapultiert hat. Ich mache nämlich mal keinen historischen Film, sondern einen sogenannten Near-Future-Stoff. Das ist aus meiner Hochschultätigkeit heraus entstanden, und daher finde ich das eine ganz befruchtende Allianz.“

Die Idee dazu entstand während eines Symposions in Zusammenarbeit mit der Folkwang-Hochschule in Essen vor zwei Jahren. Zu der Publikation des Autors und Zukunftsforschers Jorgen Randers mit dem Titel „2052“ entwickelten Studierende Projekte, wie die Welt in dreißig Jahren aussehen könnte. „Und da hat es in mir gearbeitet. Mir war plötzlich klar, das ist ein Thema, dem ich meine ganze Lebensenergie widmen möchte, den Menschen begreiflich zu machen, dass es fünf vor zwölf ist“, sagt sie und sieht darin für sich eine große zukünftige Kommunikationsaufgabe. Zusammen mit einem Forschungsinstitut überführt sie zunächst Prognosen in Szenarien und entwickelt daraus Lebensräume, in denen dann wiederum Geschichten angesiedelt werden. In Zusammenarbeit mit einem Berliner Autor entsteht hier ein ganz neues interdisziplinäres Serienformat. „Wir überlegen uns, wie wird der deutschsprachige Raum im Jahre 2050 aussehen? Es gibt ja viele Filme, die Science Fiktion in utopischer Zukunft erzählen. Wir erzählen in einer sehr nahen Zukunft. Welchen Herausforderungen werden wir uns stellen müssen? Zunächst ist eine sechsteilige, fiktionale Serie angedacht.“ Aber damit nicht genug, die Kommunikationswissenschaftlerin denkt auch noch in anderen Dimensionen. „Gleichzeitig, weil es ja ein Forschungsprojekt ist, haben wir ein Symposium mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern geplant. Hier zeigen wir sowohl den Stand der Forschung als auch unsere ersten Schritte, in denen wir aus Daten Geschichten entwickeln“, fährt sie fort. „Also wir zeigen dem Publikum, wie diese realistischen Szenarien aussehen. In welcher Welt werden wir durch die wachsenden Klimafolgeschäden (sehr wahrscheinlich) leben – müssen?“ Abgerundet wird dieses Projekt mit einer Ausstellung sowie einer Homepage, „die zeigt, was für eine Kommunikation wir dann haben und wie Informationsvermittlung aussehen könnte, die dann von Klimaveränderungen oder Klimafolgeschäden 2050 berichtet.“

So verbindet sie Lehre und Forschung mit ihrem zweiten, künstlerischen Standbein und weiß, „es ist dringend notwendig, Klimawandel jetzt filmisch zu bearbeiten, damit es viele Menschen erreicht und bei ihnen hoffentlich ein anderes Bewusstsein schafft.“

Die Wuppertaler Mathematikerin Professor Barbara Rüdiger hat jüngst in einem Transfergespräch über ein von ihr realisiertes Tanzprojekt gesagt: „Ich glaube, es gibt viel mehr Kontaktpunkte zwischen Kunst und Wissenschaft, als man sich vorstellt.“ Erica von Moeller hat dazu eine weitere Antwort gefunden.

 

Uwe Blass

 

 

Weitere Transfergeschichten und -gespräche sind im Internet zu finden...

www.transfer.uni-wuppertal.de/transfergeschichten.html
www.transfer.uni-wuppertal.de/transferfilmbeitraege.html

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Die Regisseurin und Autorin Erica von Moeller studierte sowohl Freie Bildende Kunst in Mainz als auch Kommunikationswissenschaften in Frankfurt, bevor sie an der Kunsthochschule für Medien in Köln im Bereich Film diplomierte. Sie realisiert seit 2001 Filme in unterschiedlichen Genres und Formaten. Als Medienkünstlerin entwickelt sie Ausstellungsprojekte an der Schnittstelle zwischen Bewegtbild, Raum und Klang. Nach vielfältigen Lehraufträgen in Köln, Berlin und Trier lehrt sie seit Sommer 2011 an der Bergischen Universität Wuppertal als Professorin für Design audiovisueller Medien.