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„Künstliche Intelligenz ist keine Nachbildung der menschlichen Intelligenz“:
Eine Bergische Transfergeschichte mit Prof. Hanno Gottschalk

Von Sophia, einem vom Hongkonger Unternehmen Hanson Robotics entwickelten humanoiden Roboter, der im Vergleich zu bisherigen Robotervarianten durch ein besonders menschliches Aussehen und Verhalten hervorsticht, hält der studierte Mathematiker und Physiker Prof. Dr. Hanno Gottschalk wenig. „Ich brauch das nicht“, ist dann auch seine knappe Antwort, wobei die Künstliche Intelligenz an sich einen ganz besonderen Schwerpunkt seiner Arbeit ausmacht.

Foto UniService Transfer

Der in der Angewandten Mathematik beheimatete Wissenschaftler kam über die Studierenden an das Thema Künstliche Intelligenz (KI). „Ich unterrichte Statistik und wir haben ein Seminar entwickelt, in dem wir in kleine und mittelständische Firmen in der Region gehen und dort für die Firmen Datenanalysen anbieten“, erzählt er. Dabei gehen speziell zusammengestellte Teams in die Firmen, bekommen eine spezifische Aufgabe gestellt und präsentieren dann dort ihre Ergebnisse.

Immer mehr technologisch hochstehende Firmen haben mit der Zeit an diesem Format teilgenommen und Gottschalk initiierte ein Netzwerk. Zusammen mit Kollegen aus der Fakultät für Elektrotechnik, Informationstechnik und Medientechnik, dem Campus Velbert/Heiligenhaus der Hochschule Bochum sowie Data Scientists in regionalen Unternehmen gründete er die Bergische Innovationsplattform für Künstliche Intelligenz (BIT). Mit gemeinsamer Forschung, Ausbildung von Studierenden und enger Vernetzung zwischen Hochschulen und technologisch erstklassigen Unternehmen sowie Anwendern ist es das erklärte Ziel, das Potenzial von KI und Data Analytics für die Region zugänglich zu machen.

Viele Menschen stehen dieser neuen Entwicklung skeptisch gegenüber. Dazu sagt der Mathematiker: „Es gibt, wie bei jeder Technologie, sinnvolle, weniger sinnvolle und äußerst problematische Anwendungen der KI. Auch wenn aus der Neuroinformatik gewisse Impulse gekommen sind, ist die KI keine Nachbildung der menschlichen Intelligenz. Ich glaube, viel von der Angst kommt aus der reklamierten Ähnlichkeit zur menschlichen Intelligenz, die aber eher ein Marketinggag als eine Realität ist.“

Die Gefahr, die in vielen apokalyptischen Filmen suggeriert wird, dass der Mensch einmal die Oberhand über diese sich vielleicht verselbständigenden Maschinen verliert, sieht der gebürtige Bückeburger nicht. „Zur Weltherrschaft – wenn wir wie in Filmen denken – bedarf es ja immer eines sehr starken Willens. Und das, was die KI im Moment überhaupt nicht hat, ist so etwas wie Intention und Willen. Sie gehorcht nach wie vor dem, was die Menschen als Ziele vorgeben. Die Frage ist, welche Menschen geben die Ziele vor? Mit welchen Absichten und mit welchem Willen? Viel interessanter bei dieser neuen Technologie ist doch die Frage, wem gehört sie und wem gehören die Möglichkeiten, die daraus resultieren? Hieraus entstehen viel größere gesellschaftliche Fragestellungen als aus den Visionen, dass die Roboter die Welt übernehmen.“

Mit 2,7 Millionen Euro Fördergeldern nimmt das BIT seine Arbeit auf

Die neue Bergische Innovationsplattform für Künstliche Intelligenz wird vom Land und der EU finanziell gefördert und hat nach der Auftaktveranstaltung im März ihre Arbeit aufgenommen. Gemeinsam mit dem Beirat entwickelt Gottschalk dort Formate des Zusammenwirkens von regionaler Wirtschaft und Forschung am Beispiel der KI. „Enabling Technology“ nennt er das, also Technologien, die in Kombination mit anderen Technologien bedeutende Sprünge in Leistung und Fähigkeiten des Anwenders erzeugen und so eine Neuerung und Umwandlung in mittelständischen Unternehmen ermöglichen.

Und von diesen Entwicklungen profitieren nach Meinung des Wissenschaftlers so gut wie alle gesellschaftlichen Bereiche. In allem, was Technologie und Produktion betrifft, ist die KI bereits im Einsatz. So werden zum einen alte Technologien behutsam mit neuen Methoden der vorausschauenden Wartung oder der Qualitätskontrolle untersucht, zum anderen aber auch noch gar nicht erfundene Technologien weiter erforscht. „Es gibt Dinge, wo sich die Gesellschaft entscheiden muss, ob sie das will oder nicht,“ betont Gottschalk. Als Beispiele nennt er die intensive Entwicklung von Pflegerobotern in Japan oder die Vorhersage von Studienerfolgen für Studierende im Bildungsbereich.

Zusammenarbeit von Forschung und Unternehmen

Da die Universität selbst über keine Daten verfügt, brauchen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Datenmaterial von den Unternehmen. Unter Berücksichtigung des Datenschutzes werden so vertrauensvoll Kooperationen eingegangen. Viele Unternehmen bieten zudem Zusammenarbeit bei der Anfertigung von Bachelor-Arbeiten an oder suchen Praktikanten. So lernen Studierende vor Ort die Prozesse von IT-Firmen kennen.

Ein weiterer Synergieeffekt ist der Austausch mit den firmeneigenen Datenwissenschaftlern. „Last but not least“, so Gottschalk, „ist die Frage der Ausgründung relevant. Viele von unseren Data Scientists, die wir jetzt in der Forschung ausbilden, werden auch Möglichkeiten haben, Unternehmen zu gründen. Und da freuen wir uns besonders, dass wir viele Unternehmerinnen und Unternehmer mit an Bord haben, die entsprechend beraten und coachen können.“

Sicherheit des Autonomen Fahrens

Die Themenschwerpunkte sind dabei breit gefächert: vom Einsatz in der reinen Produktion bis zu Automotive- und Mobilitätsanwendungen, wo Gottschalks Arbeitsgruppe verortet ist. „Wir arbeiten an der Sicherheit des Autonomen Fahrens. Wir beschäftigen uns vor allem mit den Fehlern der KI und den Grenzen der Einsetzbarkeit. Wenn wir diese nicht genauer erkennen können, ist es problematisch KI in sicherheitsrelevanten Bereichen einzusetzen.“ Unter definierten, kontrollierten Umständen kann sich der 52-Jährige schon jetzt vorstellen, dass er „vielleicht in fünf bis zehn Jahren von Bochum nach Wuppertal über die Autobahn fahren, dabei ein kleines Schläfchen machen kann und dann noch frischer bei den Studierenden ankomme“, prophezeit er lächelnd.

Besonders froh ist er über die Zusammenarbeit mit den Unternehmen aus der Bergischen Innovationsplattform, die den KI-Service besetzen: dem Institut für Qualitäts- und Zuverlässigkeitsmanagement GmbH (IQZ), die sich um die Absicherung der KI-Ideen kümmern, und dem Startup-Unternehmen Instana aus Solingen, von dem er sich gute Impulse in Richtung Gründung verspricht. „Das sind alles tolle Unternehmen. Es ist ein Traum mit denen zusammen zu arbeiten und ich habe da unheimlich viel Lust drauf.“

Die Digitalisierungsstrategie der Bergischen Universität

Um die Digitalisierungsstrategie voranzubringen hat das Rektorat der Bergischen Universität die Entwicklung und Umsetzung einer umfassenden IT-Entwicklungsplanung für die Bergische Universität als strategisches Projekt aufgesetzt. Der hierfür verwendete Leitbegriff der Digitalisierungsstrategie soll zum Ausdruck bringen, dass es in umfassender Weise um die Ziele und Formen des Einsatzes von IT-Instrumenten und -Diensten in allen Funktionsbereichen der Bergischen Universität geht. Dazu wurden drei Leitlinien für die Bereiche Forschung, Lehre und Administration/Management für die Digitalisierungsstrategie verabschiedet.

Es gibt einen neuen Informatik-Bachelor- und Masterstudiengang mit dem Schwerpunkt Data Science in den Fakultäten Mathematik und Naturwissenschaften und Elektrotechnik, Medientechnik und Informationstechnik, sechs neue Professuren sowie das neu gegründete Interdisziplinäre Zentrum für Machine Learning and Data Analytics, als dessen Gründungssprecher Gottschalk zusammen mit dem Lehrstuhlinhaber für Elektrotechnik und Theoretische Nachrichtentechnik, Prof. Dr-Ing. Anton Kummert, fungiert.

„Die wirkliche Frage ist nicht, ob Maschinen denken können, sondern ob Menschen es tun“, sagt der US-amerikanische Psychologe B.F. Skinner. Hanno Gottschalk und die Wissenschaftler der Bergischen Innovationsplattform für künstliche Intelligenz können es.

UWE BLASS

Weitere Transfergeschichten unter www.transfer.uni-wuppertal.de/transfergeschichten.html

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Hanno Gottschalk habilitierte sich 2003 an der Universität Bonn und arbeitete danach u.a. bei der Siemens AG in Mühlheim an der Ruhr. Seit 2011 lehrt und forscht er an der Bergischen Uni in der Fakultät für Mathematik und Naturwissenschaften, Arbeitsgruppe Stochastik.