Navigationsweiche Anfang

Navigationsweiche Ende

Sprache wählen

Jahr100Wissen: Vom Endlosband zur „Tube“ –
Über die Erfindung der Rolltreppe

In der Reihe „Jahr100Wissen“ beschäftigen sich Wissenschaftler*innen der Bergischen Universität mit 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen, die die Gesellschaft verändert und geprägt haben. Im Jahr 1920 entwickelte das amerikanische Unternehmen „Otis Elevator Company“ die erste Rolltreppe. Einen Vorläufer hatte der Ingenieur Jesse Reno bereits 1896 vorgestellt. Im „Jahr100Wissen“-Interview spricht Prof. Dr. Felix Huber, Leiter des Lehr- und Forschungsgebiets Umweltverträgliche Infrastrukturplanung, Stadtbauwesen an der Bergischen Universität Wuppertal, über die Bedeutung der Erfindung, Grenzen der Konstruktion und über Einsatzmöglichkeiten in Wuppertal.

Prof. Dr. Felix Huber

Der Ingenieur Jesse Reno hatte ursprünglich eine Treppe aus einem mit Holzleisten besetzten und schräg angelegten Endlosband gebaut, die er erstmals 1896 in einem Park in Coney Island, im New Yorker Stadtteil Brooklyn, der Öffentlichkeit vorstellte. Etwa 7.500 Zuschauer*innen ließen sich während der zweiwöchigen Zurschaustellung zweieinhalb Meter hoch befördern – der Vorläufer der späteren Rolltreppe war geboren. 1920 entwickelte die amerikanische Firma „Otis Elevator Company“ die erste, nach unserem Verständnis betriebene Rolltreppe der Welt. Welche Vorteile bot sie?

Huber: Der Vorteil von Rolltreppen und Rollsteigen ist, dass sie einen beständigen Zufluss an Menschen bewältigen können. Der Zustrom wird – bis zur Grenze der Leistungsfähigkeit – permanent abgebaut. Aufzüge dagegen können nur eine durch den Förderkorb definierte Menge Menschen transportieren, vor ihren Türen bilden sich immer wieder Pulks von Wartenden. Aufzüge sind zwar mehrfach so schnell wie Rolltreppen, aber sie halten unterwegs an den Stockwerken. Außerdem benötigt man nicht, wie beim Aufzug, einen Käfig und einen konstruktiven Überbau. Die Anlage kann einfach auf dem Boden installiert werden.

Am 11. Juli 1925 installierte der Architekt Wilhelm Kreis im Kölner Warenhaus der damaligen Leonhard Tietz AG die von dieser Bauart wohl erste Rolltreppe Deutschlands sowie überhaupt erst die zweite auf dem europäischen Festland. Was war der Vorteil für den Einzelhandel?

Huber: Rolltreppen sind für Kaufhäuser natürlich besonders interessant, weil sie dazu beitragen können, die Kundenströme im Haus besser zu verteilen. In die Erdgeschosszone bekommt man Kundenströme immer gut gelenkt, aber nach oben hin wird es immer schwieriger. Deswegen positioniert man in den Obergeschossen hoch frequentierte attraktive Nutzungen, wie etwa den Elektronikhandel. Mit der Rolltreppe befördert man die Kunden nach und nach bequem nach oben, man spricht dabei von Hubarbeit. Auf dem Weg nach unten – der Schwerkraft folgend – können sie dann das restliche Gesamtangebot wahrnehmen.

Die längste freistehende Rolltreppe der Welt steht in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia. Im Innenhof des Hauptquartiers des TV-Senders CNN führt sie seit 1976 über 62 Meter acht Stockwerke hoch. Was reizt Ingenieur*innen an solchen Monumentalkonstruktionen?

Huber: Für Ingenieure ist immer interessant, an die Grenzen einer Konstruktion vorzustoßen und zu schauen, was sowohl von der Länge als auch von der Steigfähigkeit her technisch machbar ist. Allerdings sind Rolltreppen auch ein bisschen „sophistische Konstruktionen“ und insofern ist es nicht so ganz einfach, sie über eine bestimmte Länge hin auszudehnen. Außerdem sind zu lange – und damit zu hohe – Rolltreppen aufgrund der Höhenangst von Nutzern psychologisch inakzeptabel. Theoretisch kann man Monumentalkonstruktionen fast „ad infinitum“ treiben, aber irgendwann laufen dann die Kosten gegen den Nutzen.

An der längsten Rolltreppe Westeuropas, der 80 Meter langen „Tube“ der Elbphilharmonie in Hamburg, war auch die Wuppertaler Kettenfirma KÖBO beteiligt. Was ist das Besondere an dieser technischen Meisterleistung?

Huber: Die zweispurige, konvex gebogene Rolltreppe „Tube“ ist mit 82 Metern die „längste Rolltreppe Westeuropas und die weltweit einzige, die einen Bogen beschreibt“. Zweieinhalb Minuten dauert die Fahrt auf die öffentliche Plaza in 37 Metern Höhe. Als „futuristisches Fahrerlebnis“ wird beschrieben, dass die Decke bis zur Mitte der Fahrstrecke immer niedriger wird und sich danach wieder weitet. Auf dem Plateau ergibt sich – aufgrund der Bogenfahrt – praktisch im letzten Moment ein atemberaubender Blick aus einem großen Panoramafenster auf den Hamburger Hafen. 

Das Thema Seilbahn ist in Wuppertal vom Tisch. Sollte man alternativ einmal über eine Rolltreppenkonstruktion nachdenken?

Huber: Ich habe diese Idee aufgenommen und werde demnächst zu dem Thema eine Bachelorarbeit vergeben – einfach um einmal auszuloten, was es für alternative Optionen gibt. Wir haben ja die Möglichkeiten der Rolltreppen und der Rollsteige. Rolltreppen sind mobile Treppenkonstruktionen, Rollsteige sind dagegen flache Laufbänder, auf denen man steht und eher Distanzen überwindet, wie in Flughäfen. Mit Rolltreppen überwindet man eher Höhen. Man könnte sich hier beispielsweise eine Kombination aus beiden Möglichkeiten, gegebenenfalls auch in Kombination mit Aufzügen, überlegen und auf diese Weise die Uni erschließen.

Man muss die Reisedauern dann natürlich durchrechnen, weil es bei einer längeren Fahrt auf einem Rollsteig auch langweilig werden kann. Internationale Flughäfen arbeiten hier unterwegs mit allen möglichen „digitalen Gimmicks“, zum Beispiel auf Flatscreens. Außerdem muss man den Fahrweg überdachen, damit die Konstruktion geschützt ist und die Menschen vor dem Wuppertaler Wetter geschützt werden.

Planungen zu einem beweglichen Fahrsteig gab es schon während der Weltausstellungen 1889 in Paris und 1893 in Chicago. In Amerika installierte man zwei getrennte Bahnen, die in unterschiedlicher Geschwindigkeit die Menschen stehend oder sitzend transportieren sollten. Und auf einer weiteren Weltausstellung 1900, wieder in Paris, wurde sogar die „Straße der Zukunft“ präsentiert. Ein rollender Fußweg hatte damals eine Länge von 3,5 Kilometer und verfügte über neun Zugangsstationen. Also, eine Überlegung wäre das doch schon einmal wert!?

UWE BLASS


Univ. Prof. Dr.-Ing. Felix Huber leitet das Lehr- und Forschungsgebiet Umweltverträgliche Infrastrukturplanung, Stadtbauwesen im Fachzentrum Verkehr der Fakultät Architektur und Bauingenieurwesen der Bergischen Universität Wuppertal. Er ist Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste.