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„Jahr100Wissen“: Wie die erste Bluesaufnahme von Mamie Smith die Branche prägte

In der Reihe „Jahr100Wissen“ beschäftigen sich Wissenschaftler*innen der Bergischen Universität mit 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen, die die Gesellschaft verändert und geprägt haben. Thomas Rückert ist künstlerischer Angestellter für das Fach Klavier in der Musikpädagogik. Im Interview erklärt er, warum im Jahr 1920 die erste gesungene Bluesaufnahme von Mamie Smith so besonders war.

Thomas Rückert
Foto Sebastian Jarych
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Die 1883 geborene Mamie Smith sorgte 1920 in Amerika für Furore: Am 14. Februar nahm sie einen gesungenen Blues auf. Was war das Besondere daran?

Rückert: Das Besondere ist die Tatsache, dass es die erste Bluesaufnahme einer schwarzen Frau war. Es ist ein Symbol für den Durchbruch der Anerkennung der schwarzen Kultur. Das heißt, es wird die technische Anstrengung unternommen, eine schwarze Künstlerin aufzunehmen. Das ist auch eine erste Würdigung dieser Kunst, denn den Blues gab es ja schon viel früher. Es ist tragisch, dass es keine früheren Aufnahmen gibt.

Der Song „That thing called love“ entstand, weil der Songwriter Perry Bradford das Label „Okeh Records“ in New York City davon überzeugte, endlich die Rassenbarrieren aufzuheben. Der Song wurde ein kommerzieller Meilenstein, trotz massiver Drohungen gegen die Plattenfirma. Warum nahm man diese Musikrichtung auf einmal ernst?

Rückert: Ich denke, dass es genügend weiße, liberale Menschen gab, die – vor allen Dingen in New York, wo Jazz entstanden, ja geboren wurde – die Kraft dieser Musik erlebt haben und sich nicht weiter sträubten. Die haben die Wucht und Wichtigkeit dieser Musik gespürt.  In der Zeit, als der Blues entstanden ist, haben diese Musiker ja tatsächlich eine neue Tonsprache erfunden. Während Schönberg, Strawinsky und Co. sich die Köpfe zerbrochen haben und überlegten, was man Neues machen könne, haben die Schwarzen neue Musik erfunden. Die Bluesscala ist ja jenseits von Dur oder Moll, es ist ein eigener Modus. Und es ist aus einer sehr starken Emotion entstanden – der Sklaverei, der Unterdrückung. So viel Leiden auch darin steckt, es hat auch sehr viel Schönes. Und das hat die Leute auf Dauer nicht unberührt gelassen.

Im selben Jahr hatte Mamie Smith mit „Crazy Blues“ einen noch größeren Erfolg, für den sie erst 1994 in die Grammy Hall of Fame aufgenommen wurde. Begann mit Mamie Smith die Ära des Frauenblues?

Rückert: Ich glaube nicht, dass es eher Frauen- oder Männerblues gab, obwohl mir vor allem Frauen einfallen. Beide Geschlechter wurden damals diskriminiert und beschäftigten sich sicher nicht mit Genderfragen.

1962 fand in Deutschland das erste American Folk Blues Festival statt. Warum brauchte der Blues in Europa so lange?

Rückert: Na ja, Deutschland musste sich erst einmal vom Faschismus erholen. Da wurde ja alles unterdrückt, verbrannt und verfolgt. Ich weiß noch, wie Paul Kuhn (dt. Jazzpianist, Anm. d. Red.), sagte, er habe zwar den Jazzstandard „Honeysuckle rose“ gespielt, dann aber so einen Trallala-Text darübergelegt, der unverfänglich war und so leicht geschwungen hat, so dass die Leute ihn konsumiert haben, auch im Faschismus. Der Umschwung des Geistes brauchte einfach noch eine Weile.

Die 1946 verstorbene Sängerin Mamie Smith wurde durch eine Initiative westdeutscher Musiker aus Iserlohn 1964 aus einem namenlosen Grab umgebettet und erhielt einen Grabstein. Welche Bedeutung hat der Blues heute in der Musikbranche?

Rückert: Er ist fester Bestandteil der Musiksprache geworden. Die wenigsten Hits würden ohne den Blues funktionieren. Man hört ihn immer. In jedem beliebigen Schlager sind Blueswendungen, irgendwelche Schlenker, die die Sänger darin machen. Die „Blue Notes“ gehören ganz fest dazu. Ohne den Blues würde eine gewisse Emotion einfach nicht möglich sein.

UWE BLASS


Thomas Rückert arbeitet seit 2011 als hauptamtlicher, künstlerischer Angestellter für das Fach Klavier an der Bergischen Universität Wuppertal.