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„Jahr100Wissen“: „Das Glück in der Untreue ist nicht länger den Männern vorbehalten“

In der Reihe „Jahr100Wissen“ beschäftigen sich Wissenschaftler*innen der Bergischen Universität mit 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen, die die Gesellschaft verändert und geprägt haben. 1920 erschien der Roman Chéri von der französischen Schriftstellerin Sidonie-Gabrielle Claudine Colette, die sich später für den schlichten Autorinnennamen „Colette“ entschied. Romanistin Marie Cravageot erklärt im Jahr100Wissen-Interview die Besonderheit und den Erfolg des Werks.

Marie Cravageot
Foto UniService Transfer

1920 erschien Sidonie-Gabrielle Claudine Colettes Roman „Chéri“, der die Beziehung einer alternden Mätresse zu ihrem weitaus jüngeren Geliebten beschreibt. Der Roman wurde ein Welterfolg, u. a. auch durch die freie Schilderung von Erotik. Brach Colette damals ein Tabu?

Cravageot: Außereheliche Liebesgeschichten und Untreue-Intrigen gibt es in der Literatur seit Anbeginn der Zeit, weit vor 1920! Betrachten wir einige Beispiele aus der französischen Literatur, so fällt uns spontan der Roman „La Princesse de Clèves“ von Madame de la Fayette aus dem Jahr 1678 ein, der die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die sich in einen anderen Mann als ihren Ehemann verliebt.

Wir denken auch besonders an den Roman libertin, eine literarische Gattung des 18. Jahrhunderts in Frankreich, die ihre Wurzeln in der griechisch-römischen Antike mit Sappho, Aristophanes oder Ovid hat. Diese Gattung des Roman libertin ist im Wesentlichen antiklerikal und erotisch. Libertine Erzählliteratur greift die etablierte Ordnung an. Diese Literatur, geächtet, von den Gerichten verfolgt, zeigt die authentischste Freiheit, die zur gleichen Zeit entsteht, wie die philosophischen, literarischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Anfechtungsbewegungen, die diese Epoche kennzeichnen. Es ist die aufklärerische Rationalität gegen christliche Mystifizierung, neue Ideen in Bezug auf Individualität, Freiheit, Gewissen und damit der Zweck der irdischen Existenz, die fortan für sich selbst und nicht mehr in der Erlösung gegenüber Gott gelebt werden muss.

Colettes Roman „Chéri“, 1920 veröffentlicht, aber 1910 geschrieben, ist ein Skandal, nicht nur wegen seiner außerehelichen Liebesgeschichte, die die Moral verbietet, sondern vor allem, weil die Protagonisten einen sehr großen Altersunterschied haben. Hier ist es die Frau, die 25 Jahre älter ist als ihr junger Liebhaber. Der Roman spielt auf diesem eher schmalen Grat zwischen dieser Liebe zu einer Frau und der Liebe zu einer Mutter, die der junge Mann für seine Geliebte Léa empfindet. Diese beiden Formen der Anbetung deuten sogar eine inzestuöse Situation an. Das Tabu liegt dann eher in der Äußerung der Wünsche einer Frau gegenüber einem sehr jungen Mann als in der außerehelichen Liebesbeziehung.

Brigitte Brandstötter vergleicht in ihrem Buch „Wo die Liebe hinfällt – Das neue Rollenbild ungleicher Paare – Frauen mit jüngeren Männern“ den Roman „Chéri“ von Colette mit Hugo von Hofmannsthals „Rosenkavalier“. In beiden Werken findet sich das Motiv des erotischen Identitätsschwindels. Was bedeutet das?

Cravageot: In den beiden Werken sind die jungen Herren aus gutem Haus in ältere Frauen verliebt. Diese Paare verbringen ein müßiges Leben und sie genießen die Freuden des Lebens. Die reifen und erfahrenen Frauen wissen, dass diese Liebe nur für eine bestimmte Zeit möglich ist. Sobald die jungen Herren eine jüngere, „passende“ Frau finden, die sie heiraten, ist ihre Beziehung zu Ende. Sie werden an ihr wahres Alter erinnert und in die Realität zurückgerufen. In diesen Romanen führen diese reifen älteren Frauen als Liebesgöttinnen Regie im Spiel der Liebe und der Erotik. Diese Liebschaften auf Zeit waren sogar gesellschaftlich erwünscht, damit die jungen Herren Erfahrungen für die Ehe sammeln konnten. Die Besonderheit bei Hofmannsthal und Colette liegt daran, dass sie „in ihren Werken Figuren beschreiben, die nicht allein auf ihre Funktion als Lehrmeisterin und Liebeslehrling reduziert werden dürfen“ – so Brigitte Brandstötter. In den beiden Romanen lieben die Protagnisten sich aufrichtig. Nichtsdestotrotz ist die Zeit ihrer Liebe abgelaufen, wenn die jungen Männer jüngere Frauen heiraten.

Lange Zeit galten Mätressen als unwürdiger Gegenstand der Forschung. Warum?

Cravageot: Abgesehen von „La Princesse de Clèves“ von Madame de Lafayette und den späteren Büchern von Colette, hat eine sehr große Anzahl dieser Werke männliche Autoren. Unter ihrem zügellosen Getue verteidigen sie oft eine konventionelle Moral der Paare, auch wenn sie deren Grenzen erkennen: Männer leben ihre Liebe frei, Frauen, die dem Ruf der Untreue nicht widerstehen, bezahlen dafür mit ihrem Leben oder der Schande.

Wir müssen auf die Prämissen des Feminismus warten, damit die Rollen endlich vertauscht werden. Von Colette bis Anaïs Nin, von Simone de Beauvoir bis Marguerite Duras lieben die Frauen und sterben – auch beim Ehebruch – nicht mehr daran! Das Glück in der Untreue ist nicht länger den Männern vorbehalten!

In der Literaturforschung ist das Phänomen ähnlich. Das männliche Auge in der langen Tradition der Literaturkritik muss auf den massiveren Einzug von Frauen in die Literatur warten, damit die Charaktere von Mätressen als Forschungsobjekt ernst genommen werden. Es sollte nicht vergessen werden, dass das, was aus moralischer, religiöser und gesellschaftlicher Sicht beunruhigend ist, niemals als Studienpriorität betrachtet wird. Durch die Ankunft von Schriftstellerinnen in der Mitte des 20. Jahrhunderts ändern sich die Vorstellungen. Diese Themen verdienen es, noch weiter erforscht zu werden!

Erotische Beschreibungen haben seit jeher zu Skandalen und Verboten geführt. „Lady Chatterley“ von D. H. Lawrence (1928), Henry Millers „Wendekreis des Krebses“ (1934), „Lolita“ von Vladimir Nabokov (1955) oder „Salz auf unserer Haut“ von Benoite Groult (1988) landeten in manchen Ländern sofort auf dem Index. Wovor fürchteten sich die Moralapostel?

Cravageot: Die Darstellung erotischer Handlungen findet sich seit Anbeginn der Zeit in allen Formen der menschlichen Kunst. Die Literatur war nie eine Ausnahme und das aus gutem Grund: Was könnte passender sein als Worte, um die Glut unseres Begehrens zu entfachen? Diese künstlerische und literarische Propagierung muss sich jedoch immer mit der in unseren Gesellschaften vermittelten selbstgerechten Moral auseinandersetzen. Übliche Reaktionen, beispielsweise religiöser Institutionen, schüren die Angst der jungen Leser vor Perversionen oder vor der Erkundung dessen, was der Privatsphäre vorbehalten ist. So ergeben sich Widersprüche in Vorstellungen und Darstellungen der Welt institutionalisierter Strukturen mit der künstlerischen Freiheit kreativer Darstellungen von Liebe und Erotik.

Die Literaturforschung hat jedoch eindeutig gezeigt, dass sich diese Darstellungen mit der Zeit entwickeln. Bei der Betrachtung der sich verändernden Definitionen der Begriffe „Liebe“, „Erotik“ und „Pornographie“ gilt es, die unterschiedlichen Interpretationen der schockierenden und skandalösen Natur der Kunst zu beachten.

Haben sich die Vorstellungen von Erotik über die Jahrhunderte verändert?

Cravageot: Die Frage des Ehebruchs in der Literatur hat in der Tat in jeder Zeit ein unterschiedliches Echo gefunden. Im Mittelalter ist er höfischer Natur: ästhetisch, ideal und sehr keusch. Es ist eine Selbstaufgabe für den anderen.

Die Antwort beginnt im 19. Jahrhundert mit der sehr skandalösen George Sand, die in ihrem Roman „Valentine“ (1832) den Schleier eines Teils des Geheimnisses lüftet. Die Heldin, verheiratet mit einem Mann, den sie nicht liebt, steckt mitten in einer Schlafwandelkrise. Sie träumt laut von ihrer wahren Leidenschaft für einen anderen Mann, der gerade in den Raum eintritt und Zeuge des nächtlichen Deliriums wird. Dann versteht er, dass diese Frau ein unzufriedener Mensch ist und dass sie nichts Anderes als wirkliches Vergnügen sucht.

Es ist klar, dass die Entwicklung der Moral dazu neigt, den Vorrang des weiblichen Begehrens zu etablieren. Erinnern wir uns daran, dass Madame Bovary oder Madame de Rénal Heldinnen sind, die der männlichen Fantasie entsprungen sind. Durch ihren Ehebruch und ihre Literatur beansprucht die Frau vor allem ihr Recht auf Vergnügen. Mit „L'Ingénue libertine“ (1909) verkündete Colette zu Beginn des 20. Jahrhunderts – als die Liebe zur Hauptmotivation für Ehen wurde – offen das Streben nach der Befriedigung der Sinne.

Die Figur der Minne, die amouröse Abenteuer sammelt, will vor allem „nach Vergnügen schreien“. Der Skandal ist unter Puritanern groß. Ein Schriftsteller wagt es, eine solche Perversion darzustellen. Es geht aber darum, mit jüdisch-christlichen Vorstellungen aufzuräumen, die in der Frau die Ursache der Erbsünde und in jeder schlechten Handlung das Ende eines neuen Edens sehen.
Der Wunsch der Frau ist wie der Wunsch des Mannes: ein zwingendes Bedürfnis.

30 Jahre später leben Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre als resolut modernes Paar das Bild einer „endlich“ befreiten Sexualität aus. In „Les Mandarins“ (1954) beschreibt die Autorin von „Le Deuxième Sexe“ (1949) in einfachen Worten eine Frau, deren Hauptwunsch es ist, die Nacht mit einem Mann zu verbringen, wer auch immer er sein mag. Das weibliche Begehren ist nicht mehr von moralistischen Ansprüchen durchdrungen. Wie der mittelalterliche Ritter, wie der Höfling, wie der romantische Held oder der Dandy der Belle Epoque besitzt auch die Frau einen Körper, den sie frei von allen Zwängen haben möchte.

Im Deutschlandfunk wurde Colette „das menschlichste Herz der modernen französischen Literatur“ genannt. In Chéri zeige sie erstmals in aller Natürlichkeit die bis dahin boykottierte initiative Sinnlichkeit der Frau. Hat der Roman in Zeiten von „Shades of Grey“ noch Bedeutung?

Cravageot: Ja, dieser Roman hat im Jahr 2020 noch viel Interessantes zu bieten! Natürlich werden wir die skandalöse Seite, die die Leser zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit diesem Buch empfanden, nicht sehen. Aber diese poetische Tragikomödie versteht es, zwischen Leichtigkeit und Poesie zu spielen. Die botanischen Exkurse, die sich in vielen von Colettes Texten finden und die ein irdisches Paradies von dem beschreiben, was sie umgibt, laden zum Verweilen und zum Träumen ein. Der Roman hat eine starke symbolische und mythologische Funktion, sowohl in der Beschreibung der Figuren als auch in den Abenteuern, denen sie begegnen. Colette bietet einen Roman, dessen sinnliche Erzählung, liebenswerte Charaktere in ihrer Unfähigkeit lieben zu können, uns noch heute anzieht und berührt.

Uwe Blass

Das komplette Interview lesen Sie hier.


Marie Cravageot unterrichtet französische Literatur in der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften. Sie ist Expertin für die zeitgenössische Literatur Frankreichs.