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„Jahr100Wissen“: „Aus Resignation heraus ist noch keine (bessere) Welt entstanden“

In der Reihe „Jahr100Wissen“ beschäftigen sich Wissenschaftler*innen der Bergischen Universität mit 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen, die die Gesellschaft verändert und geprägt haben. Im Interview widmet sich Prof. Dr. Gerald Hartung, Lehrstuhlinhaber für Kulturphilosophie/Ästhetik, dem Wirken des Philosophen Ernst Alfred Cassirer und zeichnet – vor dem Hintergrund der ideologischen Konflikte der damaligen Zeit – das Porträt eines herausragenden Gelehrten.

Prof. Dr. Gerald Hartung.
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Der Philosoph Ernst Alfred Cassirer gilt heute als Denker, der von einer „Philosophie der Kultur“ zum Freiheitsbegriff und zur politischen Philosophie voranschreitet. Wer war dieser Mann?

Hartung: Tatsächlich erinnern wir uns heute an Ernst Cassirer als Vertreter des liberalen Bildungsbürgertums der Epoche um 1900. Er gilt als Vertreter einer philosophischen Denkrichtung in der Tradition Immanuel Kants – Stichwort: Neukantianismus – und als Begründer einer Philosophie der Kultur. Obwohl uns einige der Ideale dieser Zeit – beispielsweise der soziale Aufstieg durch Bildung, der kulturelle Kosmopolitismus – noch von ferne bekannt erscheinen, müssen wir doch festhalten, dass die soziokulturelle Realität der Welt Cassirers und die mit ihr verbundene Geisteshaltung verloren gegangen sind. Insofern ist die Beschäftigung mit Leben und Werk Cassirers eine intellektuelle Fernreise.

Ernst Cassirer wurde am 28. Juli 1874 in Breslau, heute Wroclaw, in eine Kaufmannsfamilie geboren. Die Familie Cassirer ist in dieser Zeit schon eine weitverzweigte, ursprünglich aus Schlesien stammende Familie jüdischer Herkunft. Im Studium der Philosophie wurde die Beschäftigung mit der Philosophiegeschichte – Descartes-Leibniz-Kant – sein Schwerpunkt. Cassirer wurde im zweiten Anlauf an der Berliner Universität habilitiert – der erste Versuch scheiterte unter skandalösen Umständen und ist ein Beispiel für die Diskriminierung jüdischer Gelehrter im Universitätsbetrieb der damaligen Zeit. Im Jahr 1919 wurde Cassirer an die neugegründete Hamburger Universität berufen. Hier erlebte er die Blüte seines Wirkens in Deutschland. Im Jahr 1933 hat Cassirer umgehend Deutschland verlassen, weil er ahnte, dass ihm infolge der Machtübernahme durch eine Regierung unter Führung der Nationalsozialistischen Partei die Lebens- und Arbeitsgrundlage entzogen wird. Im Frühjahr 1945 ist Cassirer im amerikanischen Exil gestorben.

Wer war Cassirer abseits dieser Daten zu seinem Leben? Er war ein herausragender Gelehrter und ein bedeutender Repräsentant der deutschen Geisteskultur, die sich in der Tradition des Philosophen Kants als der wissenschaftlichen Aufklärung, dem politischen Liberalismus und dem kulturellen Kosmopolitismus verschrieben hat. Er hat diese Richtungen in seinen zahlreichen Büchern zur Geistes- und Wissenschaftsgeschichte vertreten und er hat sie vor allem – wie die Zeugnisse seiner Zeitgenossen belegen – auch gelebt: sein Humanismus hat eine überzeitliche Dimension, seine Arbeit an Sachproblemen der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte steht über den ideologischen Konflikten seiner Zeit. Und doch ist sein Leben beschädigt worden durch antijüdisches Ressentiment, durch Vertreibung aus der bürgerlichen Existenz in Hamburg, durch die Jahre in der Unsicherheit des Exils. Auch sein Werk ist unvollendet geblieben, wie die umfangreichen Materialien im Nachlass zeigen. Cassirer ist es nicht vergönnt gewesen, das Leben eines Universitätsprofessors und Gelehrten in Deutschland zu leben. Der Blick aus unserer Zeit zurück auf sein Leben und die Auseinandersetzung mit seinem Werk sind dringend notwendig – aber der Schaden bleibt. Das sollte uns klar vor Augen stehen.

Sein Hauptwerk „Philosophie der symbolischen Formen“ erschien in drei Bänden in den 1920er Jahren. Symbole veranschaulichen für ihn die Verschiedenartigkeit von Zugangsweisen zur Welt. Welche Symbole sind das, und worum geht es ihm dabei? 

Hartung: Diese Frage lässt sich kaum in der gebotenen Kürze beantworten. Es wäre eine eigene Monographie nötig und solche sind zum Thema auch schon geschrieben worden. Ich versuche es trotzdem: Die dreibändige „Philosophie der symbolischen Formen“ ist ein beeindruckender Versuch, die Philosophie an die Vielfalt kultureller Phänomene heranzuführen. Während die Philosophie um 1900 üblicherweise in der Tradition Kants der Erkenntnis eine Vorrangstellung einräumt, spricht Cassirer davon, dass unterschiedliche Zugänge zur menschlichen Wirklichkeit gleichwertig und komplementär sind. Es geht ihm um die Sprache, die Technik, das Recht, die Kunst – die Liste kann fortgesetzt werden.

Der Grundgedanke ist hierbei, dass wir Menschen uns in verschiedenen Medien (den symbolischen Formen) eine Wirklichkeit schaffen, die sich von der gegebenen Natur, der vorgefundenen Umwelt anderer Lebensformen (Pflanzen, Tiere) ums Ganze unterscheidet. Cassirer spricht in der Tradition von Herder und Humboldt von Kultur als der anderen Natur (natura altera). Diese andere oder zweite Natur des Menschen, die wir Kultur nennen, ist ein äußerst dynamisches Gebilde. Im Sinne der Programmatik der Aufklärungsepoche bezeichnet Cassirer es als genuine Aufgabe der Menschheit, sich „aus selbstverschuldeter Unmündigkeit“ (Kant) herauszuarbeiten. Vor dem Hintergrund der „Philosophie der symbolischen Formen“ heißt dies: Wir Menschen müssen allmählich erkennen, dass unsere Lebenswirklichkeit das Produkt unserer Formgebung durch Sprache, Phantasie, Rechtsgefühl, Erkenntnis (u.a.) ist. Wenn wir das verstehen, dann müssen wir uns in einem nächsten Schritt als Formgeber (homo symbolicus) verstehen und damit auch die Verantwortung für die mediale Gestaltung unserer Lebenswirklichkeit übernehmen.

Cassirer betont immer wieder, dass diese nicht eine Gegebenheit ist, die wir vorfinden und der wir uns anpassen müssen (wie dies andere Lebensformen in ihren jeweiligen Umwelten tun), sondern dass unsere Lebenswirklichkeit ein symbolisches Universum ist, das von uns gestaltet wird und für dessen Gestaltung wir verantwortlich zeichnen müssen. Cassirer hat trotz der widrigen Lebensumstände der 1930er und 1940er Jahre zu keinem Zeitpunkt die Hoffnung aufgegeben, dass wir Menschen durch Erkenntnis der symbolischen Struktur unserer Lebenswirklichkeit und in der Konsequenz der Selbsterkenntnis als Schöpfer unserer Symbolwelten prinzipiell befähigt sind, die Humanisierung unserer Kultur(en) zu leisten.

Unter Kulturphilosophie versteht Cassirer die Arbeit an dieser Option trotz des permanenten Einspruchs der sozialen Wirklichkeit, die von Widersprüchen, Konflikten, Hass und Gewalt sowie anderen Üblichkeiten geprägt ist. Cassirer steht in der Tradition der Aufklärungsepoche, der Ideale der französischen Revolution, der Vorstellungen von Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Anderslebenden – er vertritt die kosmopolitische Seite der deutschen Geistesgeschichte.

Cassirer war einer der ersten deutsch-jüdischen Rektoren an der Universität Hamburg. Seine Antrittsrede 1929, über Formen und Formwandlungen des philosophischen Wahrheitsbegriffs, ist ein klares Plädoyer zur Weimarer Verfassung. Sah er das drohende NS-Regime schon kommen?

Hartung: Auch wenn diese Frage nicht kompliziert erscheint, so ist sie doch nicht leicht zu beantworten. Das liegt daran, dass Cassirer kaum Dokumente hinterlassen hat, die auf seine persönlichen Einschätzungen der Zeitumstände schließen lassen. Zweifelsohne hat Cassirer sein Leben lang antijüdische Ressentiments erfahren, war er doch ein Repräsentant einer bedeutenden Familie, deren jüdische Herkunft bekannt und deren positive Haltung zum Liberalismus, zur modernen Kultur und zur Weimarer Republik offensichtlich waren. Auch hat er während seiner Zeit als Rektor der Hamburger Universität negative Erfahrungen mit Studierenden und Kollegen gemacht, die ihre nationalsozialistische Gesinnung deutlich artikuliert haben. Inwieweit ihm die letzten Konsequenzen der nationalsozialistischen Politik für Leben und Werk bewusst waren, kann nur indirekt vermutet werden, weil er schon im Frühjahr mit seiner Familie Deutschland verlassen und auf seine akademische Existenzsicherung als Universitätsprofessor aktiv verzichtet hat. Diese klare Konsequenz ist nur vor dem Hintergrund einer massiven Bedrohung bereits im Frühjahr 1933 zu verstehen. Cassirer hat es auf jeden Fall zeitlebens abgelehnt, dass die Zeitläufe sein Werk infizieren.

Ernst Cassirer starb am 13. April 1945. Die Kampfhandlungen des Zweiten Weltkrieges endeten am 8. Mai 1945. Seine Analyse zur Entstehung des Nationalsozialismus mit dem Titel „Vom Mythos des Staates“ erschien posthum. Darin schreibt er, dass die Philosophie den politischen Mythos nicht endgültig überwinden, sondern nur zähmen kann. Die Philosophie könne dazu beitragen, indem sie ihn verstehen und so bekämpfen hilft. Sein Werk schließt er mit den Worten: „Wir sollten dem Gegner ins Angesicht sehen, um zu wissen, wie er zu bekämpfen ist.“ Welche Möglichkeiten hat Philosophie heute, um destruktive Mächte zumindest zu zähmen?

Hartung: Die Rolle der Philosophie in der Gesellschaft ist schwach und stark zugleich. Ihre Schwäche liegt darin, dass sie nicht zu allen Zeiten Gehör findet. Ihre Stärke liegt darin, dass sie auch gegen die bedrängende Lage nackter Fakten Optionen einer anderen Welt aufzeigen kann. Wie wirksam Gedankenfreiheit sein kann, zeigt sich aktuell darin, mit welcher Wucht anti-liberale oder totalitäre Regime in Osteuropa die Freiheit von Wissenschaft als gefährlich einstufen und die Möglichkeiten kritischen Denkens begrenzen. Auch in dieser Hinsicht kann ein tiefer Blick in Cassirers philosophisches Werk lehrreich sein. Cassirer ist im Lauf seines Lebens, vor allem aufgrund der lebensgeschichtlichen Verwerfungen, immer deutlicher geworden, dass die Ideale der Aufklärung und des politischen Liberalismus gefährdet sind. Die Kulturphilosophie Cassirers hat in der Hoffnung auf eine sich durchsetzende Humanität des Menschen ihr eigentümliches Ethos. Auf diese Weise bewahrt Cassirer das Erbe des philosophischen Idealismus auch in dunklen Zeiten.

Welche Bedeutung hat Cassirer mit seinem Werk und seiner Person für die heutige Philosophie? 

Hartung: Die Antwort auf die abschließende Frage besteht in einer Art Kumulation meiner vorangehenden Antworten. Cassirer gibt uns als Person einen Hinweis darauf, dass die Erbschaft der Aufklärungszeit, die Ideale der Französischen Revolution und des Humboldtschen Humanismus auch in dunklen Zeiten nicht aufzugeben ist. Aus Resignation heraus ist noch keine (bessere) Welt entstanden. Cassirers Werk gibt uns einigen Anlass zum Nachdenken und kritischen Nachfragen. Es enthält keine letzten Antworten auf drängende Probleme, aber es nötigt uns Respekt ab. Damit meine ich die Anerkennung einer stupenden Gelehrsamkeit, das herausragende Geschick in der Verknüpfung historischer und systematischer Perspektiven auf unsere Lebenswirklichkeit und den nicht-nachlassenden Willen, der Kulturgeschichte der Menschheit Sinn abzuringen.

Uwe Blass

Das komplette „Jahr100Wissen“-Interview lesen Sie hier.


Prof. Dr. Gerald Hartung habilitierte 2002 an der Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie der Universität Leipzig und arbeitete dort als Privatdozent. 2008 kam er zunächst als Professorenvertreter an die Bergische Universität und übernahm 2010 dort den Lehrstuhl für Kulturphilosophie/Ästhetik.