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„Jahr100Wissen“: Das zeitlose Ritual des Begehrens

In der Reihe „Jahr100Wissen“ beschäftigen sich Wissenschaftler*innen der Bergischen Universität mit 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen, die die Gesellschaft verändert und geprägt haben. Am 23. Dezember 1920 wurde Arthur Schnitzlers Stück „Reigen“ in Berlin und wenig später auch in Wien uraufgeführt. Es entfesselte einen nie dagewesenen Theaterskandal. Welche Geschichten hinter der Aufregung um das Stück stecken, das weiß und erklärt Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Michael Scheffel im Interview.

Prof. Dr. Michael Scheffel
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Es gilt als das erfolgreichste Bühnenstück Arthur Schnitzlers und entfesselte einen der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts: der „Reigen“. Worum geht es in Schnitzlers Drama?

Scheffel: Der „Reigen ist Schnitzlers wohl populärstes Stück. Es besteht aus zehn Akten und zehnmal einem Akt. Genauer gesagt: Es geht um die Gespräche und das Verhalten von Mann und Frau vor und nach dem sexuellen Akt. Insgesamt treten zehn Figuren auf, fünf Männer und fünf Frauen. Jeder Mann verkehrt mit zwei Frauen und jede Frau mit zwei Männern. Jeder Akt zeigt ein Paar, wobei im folgenden Akt ein Mann oder eine Frau aus dem vorhergehenden mit einem zweiten Partner vorgeführt werden, sodass die Partner also jeweils wechseln und bleiben. A mit B, B mit C, C mit D usw., das ist die geradezu mathematisch strenge Form eines Stückes, in dem sich der Liebesreigen insofern schließt, als wir am Ende der weiblichen Figur aus dem ersten Akt zum zweiten Mal begegnen.

Hinzu kommt, dass die auftretenden Männer und Frauen ganz unterschiedlichen sozialen Schichten entstammen. Wir haben eine Bandbreite, die reicht vom Grafen bis zum einfachen Soldaten und vom Straßenmädchen bis zur großbürgerlichen Dame – abgesehen davon, dass auch die Orte des Geschehens über die Stadt Wien und ihre Umgebung verteilt sind und es sich um sehr verschiedene Arten von teils privaten, teils öffentlichen Räumen handelt.

Letztlich enthüllt das Stück die Verlogenheit der bürgerlichen Gesellschaft, genauer gesagt ihrer Sexualmoral, einer Moral, das muss man sich klarmachen, die Sexualität um 1900 offiziell nur im Rahmen der Ehe erlaubt und die überdies davon ausgeht, dass sich das sexuelle Interesse ungleich zwischen den Geschlechtern verteilt; nämlich dass Männer ein stärkeres Begehren, Frau dagegen ein schwächeres bis gar keins haben. Sogar in der Sexualwissenschaft dieser Zeit wird behauptet, dass sogenannte „gesunde Frauen“ Sexualität nur mit Mutterschaft verbänden, es also der „Natur“ der Frau entspreche, kein sexuelles Bedürfnis jenseits des Fortpflanzungstriebs zu verspüren. Das Stück führt dagegen vor, dass ein nicht notwendig von der Liebe abhängiger Sexus alle sozialen Schichten und unterschiedslos auch die Naturen von Mann und Frau beherrscht. Der Sexus, so wird hier demonstriert, lässt sich nicht so einfach in die Schranken des ehelichen Verkehrs verweisen und die Skala des Weiblichen nicht kategorisch in die zwei Typen „Dirne“ und „Mutter“ unterteilen.

Zum Prinzip des „Reigen“ gehört allerdings auch, dass er ein am Zueinanderkommen und Auseinandergehen von Sexualpartnern interessiertes Konversationsstück ist, das Sexualität gar nicht darstellt; der Akt als solcher wird nicht gezeigt, ja, er selbst ist auch kein Gegenstand der Gespräche. Im Text setzt Schnitzler an seiner Stelle Gedankenstriche, für die Aufführung hatte er vorgesehen, dass für einen kurzen, rein symbolischen Moment der Vorhang fällt oder die Bühne verdunkelt wird.

Die erste Veröffentlichung des Buches in Wien 1903 wurde in Deutschland und Polen verboten. Schnitzlers Verleger Fischer traute sich erst ab der 101. Auflage 1931 an eine Veröffentlichung. Aus welchem Grund?

Scheffel: Geschrieben hat Schnitzler die Dialogreihe im Winter 1896/97, abgeschlossen hat er sie im Februar 1897. Zur Druckgeschichte gehört, dass es zunächst 1900 einen Privatdruck von zweihundert Exemplaren gab, die er an Freunde und Bekannte verteilte. Das war gewissermaßen ein erster Test, um zu schauen, wie das Stück wirkt. Dann ist es 1903 bei einem Wiener Verlag erschienen und nicht im Berliner Verlag S. Fischer, weil Fischer die Sache zu heikel und er der Ansicht war, dass das österreichische Zensurrecht in erotischen Dingen liberaler war als das Preußische. Befürchtet wurde natürlich, auch wenn Sexualität nicht vorkommt (anders als in Josefine Mutzenbacher oder anderen erotischen oder gar pornografischen Romanen der Epoche), dass sie trotzdem als der eigentliche Gegenstand des Stückes betrachtet werden würde. Es wird ja, wenn überhaupt, nur indirekt über Sexualität gesprochen, aber der Akt steht doch immer im Blickpunkt und das reichte, um Angst vor den Zensurbehörden zu haben. Schnitzler selbst ging im Übrigen von Anfang an davon aus, dass es nie, wie er es nannte, an „Dummheit und bösem Willen“ fehlen würde, um das Stück misszuverstehen. 

Bei seiner Uraufführung am 23. Dezember 1920 in Berlin und wenig später auch in Wien entfesselte das Stück einen nie dagewesenen Theaterskandal. Was passierte damals?

Scheffel:  Bereits zuvor wurde das Stück unautorisiert aufgeführt. So gab es z. B. 1903 eine Teilaufführung in einem Münchner Studentenverein oder auch 1912 eine einmalige Aufführung in Budapest. Max Reinhardt, einer der bedeutendsten Regisseure der Zeit, der schon mehrfach Schnitzlers Stücke aufführen wollte, interessierte sich für den „Reigen“ und wollte ihn am Großen Schauspielhaus in Berlin inszenieren. Man dachte, die Zeit sei langsam reif. Auch der Verleger Fischer hatte Schnitzler zugeredet. Max Reinhardt gab die Direktion des Schauspielhauses dann unerwartet ab, die Aufführungsplanungen blieben aber unter einer neuen Leitung des Hauses und mit einem anderen Regisseur bestehen, und Schnitzler hat sich auch nicht mehr weiter verweigert.

Vor der Uraufführung gab es bereits Proteste und das Berliner Landgericht III hatte am Vortag ohne weitere Anhörung eine Einstweilige Verfügung gegen die Aufführung erlassen. Das Ensemble aber spielte und zu wirklichen Tumulten kam es dann wohl erst bei späteren Aufführungen im Februar 1921. Das waren Aktionen durch organisierte Vereine wie dem deutsch-völkischen Schutz- und Trutzbund, dem Bund nationalgesinnter Soldaten oder dem deutsch-völkischen Geselligkeitsverein, um nur einige sprechende Namen zu nennen.

Ihr wichtigster Motor war ein Berliner Ministerialbeamter namens Prof. Dr. Emil Brunner, der sich gern auch „Schmutz-Brunner“ nennen ließ, weil er seine Zeitgenossen vor angeblich die Sitten verderbendem „Schmutz“ bewahren wollte. In Berlin fand dann im November 1921 ein legendärer Prozess gegen all diejenigen statt, die an der Aufführung des Stücks beteiligt waren. Am Ende wurden sämtliche Angeklagten allerdings freigesprochen. Ähnlich wie im Fall der zuvor erlassenen und nach wenigen Tagen wieder aufgehobenen Einstweiligen Verfügung stellte das Gericht bei näherer Befassung mit Werk und Aufführung fest, dass sich der Vorwurf der Unsittlichkeit nicht aufrechterhalten ließ.

De facto wurden die Aufführungen des Stücks in Berlin und vor allem auch an den Kammerspielen in Wien für die Zwecke eines primitiven Antisemitismus genutzt, d. h. man zielte auf die jüdische Herkunft seines Autors und sprach, so die Formulierungen der Zeit, von einer „jüdischen Schweinliteratur“, die dem „Untergang“ der „christlich-nationalen Moral in Schmutz und Schund“ den Weg bereite. Und in Wien kam es am 16. Februar 1921 im und vor dem Theater sogar zu progromartigen Szenen. Hier stürmten sogenannte „Volksstürmler“ eine Aufführung des zum „Symbol“ für die „jüdische Pest“ erklärten „Reigen“, schlugen auf die vorgeblich allesamt jüdischen Zuschauerinnen und Zuschauer ein, rissen ihnen zum Teil die Kleider vom Leib, ließen sie Spießruten laufen und setzten das Theater durch Öffnung von Hydranten unter Wasser.

Diese Ereignisse wiederum führten zu weiteren öffentlichen Konflikten und Prügeleien bis hinein in das Wiener Parlament. Angesichts solcher Exzesse und einer Funktionalisierung des Stücks für die antisemitische Hetze von konservativ-nationalistischen Kreisen hat Schnitzler die Aufführungsrechte dann verständlicherweise zurückgezogen.

Der Kritiker Alfred Kerr stellte damals die Frage: „Darf man Stücke verbieten?“ In München, Budapest und den USA wurde das Stück gänzlich verboten. Selbst die Verfilmung durch Roger Vadim 1964 brachte später sowohl den Regisseur sowie postum sogar auch den Autor noch einmal vor das italienische Gericht. Wie ist dennoch der Erfolg des „Reigen“ zu erklären?

Scheffel: Zunächst einmal ist der „Reigen“ ein Stück, das schon wegen seiner raffinierten Struktur und seiner Grundidee der zehnfachen Variation über ein Thema, wegen seiner plastischen Figuren und den höchst unterhaltsamen Dialogen sehr gut auf der Bühne funktioniert. Sein besonderer Erfolg liegt aber sicher darin, dass er auf ebenso kunstvolle wie direkte Weise die Frage nach den Ritualen des Begehrens, nach dem Vorher und Nachher sowie nach der Bedeutung von Erotik und Sexualität im Mit- und Gegeneinander der Geschlechter stellt. Und das ist zeitlos. Vadims Verfilmung ist übrigens bei weitem nicht die erste Verfilmung; diese stammt von Max Ophüls aus dem Jahr 1950, also noch bevor das Stück wieder für die Bühne freigegeben war, mit großen französischen Stars wie z. B. Simone Signoret, Gerard Philippe oder Jean-Louis Barrault. Ophüls hat im Film eine Art Spielleiter eingeführt, der durch die Akte führt. Vadim hingegen verlegt die Handlung nach Paris und setzt auf die Ausstrahlung von Schauspielerinnen wie der zu dieser Zeit noch ganz jungen Jane Fonda. Überhaupt haben viele große Schauspielerinnen und Schauspieler wie Catherine Deneuve, Nicole Kidmann, Hildegard Knef oder auch Klaus Maria Brandauer, Curd Jürgens und Helmut Qualtinger in Inszenierungen, Verfilmungen oder Adaptionen des „Reigen“ gespielt – oder sind durch das Stück überhaupt erst bekannt geworden.

Schnitzler war von den Reaktionen so erschrocken, dass er dem Fischer-Verlag die Aufführungsrechte entzog, die dann erst 50 Jahre nach seinem Tod, 1982, wieder vergeben werden konnten. Damit setzte dann auch eine nie dagewesene Schnitzler-Rezeption ein. Welche Bedeutung hat der „Reigen“ in der Theatergeschichte?

Scheffel: Das Urheberrecht erlischt in Deutschland erst siebzig Jahre nach dem Tod eines Autors, in der Schweiz aber schon nach fünfzig Jahren. Schnitzler ist Ende 1931 gestorben, so dass die Rechte mit Ablauf des Jahres 1981 in der Schweiz frei wurden. Das hat dazu geführt, dass Schnitzlers Sohn und Erbe Heinrich, der den Nachlass seines Vaters sehr verantwortungsbewusst verwaltet hat, dann auch gleich weltweit wieder Aufführungen zuließ.

In der Silvesternacht von 1981 auf 1982, genauer gesagt nach Mitternacht, am Beginn des 1. Januars 1982, wurde das Stücke in Basel, München, Manchester und London aufgeführt. Ab da wurde der „Reigen“ immer wieder inszeniert. Und wie immer, wenn ein Stück skandalumwittert ist, interessieren sich die Menschen ganz besonders dafür. Es liegt am Thema des Stückes, es liegt an seiner brillanten Machart, aber es liegt auch an der Aura des scheinbar Verruchten. Und außerdem haben Regisseure und Dramaturgen immer wieder variierende Neufassungen geschrieben, die Handlung in unterschiedlichen räumlichen und zeitlichen Kontexten inszeniert und ihre eigenen Interpretationen entwickelt. Sexualität und Körperlichkeit, die bei Schnitzler, wenn überhaupt, nur ein kunstvoll umspielter Gegenstand des Sprechens und auch (Ver-)Schweigens sind, die werden hier immer wieder zum Teil sehr direkt und drastisch vorgeführt. Letztlich ist es wie immer: „Sex sells“.

Herr Scheffel, Sie leiten zusammen mit Prof. Dr. Wolfgang Lukas das Projekt „Arthur Schnitzler digital“. Worum geht es da?

Scheffel: Da geht es um eine historisch-kritische digitale Edition der Werke Schnitzlers, die ab 1905 erschienen sind, eine Kooperation mit englischen Kolleginnen und Kollegen u. a. der Universität Cambridge. Und diese Edition wird gehostet im Rahmen der sogenannten „Digital Library“ einer der bedeutendsten Bibliotheken der Welt, der Cambridge University Library. Das deutsche Teilprojekt hier in Wuppertal ediert die Werke Schnitzlers ab 1914. Unsere erklärte Absicht ist es, auf vergleichsweise anschauliche Weise und in einem innovativen Format, nämlich dem Digitalen, nachvollziehbar zu machen, wie die Texte Schnitzlers entstanden sind. Es sind Philologen, Informatiker und Webdesigner sowie Engländer und Deutsche an diesem mit etlichen Millionen Euro geförderten Großprojekt beteiligt. Man kann auf unserer Homepage die bislang erschienenen Texte wie etwa „Fräulein Else“ oder „Doktor Gräsler, Badearzt“ in einer Art virtuellem Archiv öffnen und sich alles anschauen, was vom Produktionsprozess, also von der ersten Notiz, der Skizze, der Ausarbeitung des Textes und allen Varianten erhalten ist. Wir stellen die Fassungen mit und ohne Streichungen online, transkribiert und mit einem zitierfähigen und kommentierten Lesetext. Das Projekt „Arthur Schnitzler digital“ ist im Netz zu finden unter www.arthur-schnitzler.de.

Uwe Blass

Dieses und weitere „Jahr100Wissen“-Interviews lesen Sie auch hier.


Prof. Dr. Michael Scheffel studierte Germanistik, Romanistik und Kunstgeschichte in Tübingen, Tours und Göttingen und habilitierte sich 1995. 2002 übernahm er die Professur für Neuere deutsche Literaturgeschichte und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal. Seit 2008 ist er zudem Prorektor für Forschung, Drittmittel und Graduiertenförderung an der Bergischen Universität Wuppertal.