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Interview: Prof. Dr. Christian Bredemeier zum „Equal Pay Day"

In Deutschland verdienen Frauen im Durchschnitt pro Stunde etwa ein Fünftel weniger als Männer. Dieser Verdienstunterschied ist ein Thema, das die Gesellschaft bewegt und oft zu kontroversen und teils politisch aufgeladenen Diskussionen führt. Am 10. März 2021 ist „Equal Pay Day“ – Internationaler Aktionstag für gleiche Bezahlung von Frauen und Männern. Dr. Christian Bredemeier ist Professor für Applied Economics an der Bergischen Universität Wuppertal. An der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft – Schumpeter School of Business and Economics arbeitet der Ökonom mit seinen Kolleg*innen Dorothée Averkamp und Falko Jüßen an einem verbesserten Verständnis der Lohnlücke. Einige der wichtigsten Fragen erläutert er im Interview.

Prof. Dr. Christian Bredemeier
Foto Friederike von Heyden
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Am Mittwoch ist Equal Pay Day. Was bedeutet das eigentlich?
Dieser Tag soll auf die Verdienstunterschiede zwischen Männern und Frauen, den vielzitierten Gender Pay Gap, aufmerksam machen. Der Tag zeigt an, auf wie viele Arbeitstage Männer verzichten könnten und dennoch auf das gleiche Einkommen wie Frauen kämen. Derzeit könnten Männer also vom 1. Januar bis 10. März freimachen und kämen bis zum Jahresende trotzdem auf den gleichen Jahresverdienst, den Frauen im Durchschnitt erhalten.

Also liegt der Verdienstunterschied bei etwa einem Fünftel? War das schon immer so? Wo liegt Deutschland im internationalen Vergleich?
Ja, bei 19 Prozent, wenn man die durchschnittlichen Bruttostundenverdienste im Jahr 2019 vergleicht. Das ist etwas weniger als in den Jahren zuvor, aber der Gap beträgt schon seit Jahren etwa 20 Prozent. Vor einigen Jahrzehnten waren die Unterschiede aber deutlich größer. Im Vergleich der wohlhabenden Länder liegt Deutschland im unteren Mittelfeld. In den USA ist die Lücke ähnlich groß, in Schweden, Belgien oder Italien aber, teils deutlich, geringer.

Warum gibt es diese Verdienstunterschiede? Zahlen Arbeitgeber Frauen einfach ein Fünftel weniger?
Nein, das Bild ist schon deutlich vielschichtiger. Frauen sind stärker in Berufen und Branchen vertreten, in denen weniger verdient wird. Sie arbeiten häufiger in Teilzeit und erreichen seltener Führungspositionen. Es ist nicht so, dass der Pay Gap im Wesentlichen daran läge, dass Frauen weniger verdienen als Männer auf der gleichen Stelle im gleichen Unternehmen.

Also alles kein Problem?
Nein, das kann man so nicht sagen. Es stellt sich schon die Frage, warum Frauen seltener befördert werden. Oder warum Unternehmen Berufserfahrung vor allem dann honorieren, wenn sie in Vollzeit gesammelt wurde. Wir wissen auch wenig darüber, warum Frauen stärker in schlechtbezahlten Berufen vertreten sind. Inwieweit sie diese Berufe von sich aus schätzen und inwieweit sie besserbezahlten Berufen aus familiären Verpflichtungen oder dort vorherrschenden Bedingungen fernbleiben, ist eine offene Frage. Es gibt viele Studien, die darauf hinweisen, dass es in Unternehmen und Familien Strukturen und Denkmuster gibt, die den Karrieren von Männern förderlicher als denen von Frauen sind. Ich denke, das ist in den wenigsten Fällen beabsichtigt, sondern eine Fortführung üblicher Praktiken aus früheren Zeiten mit anderem Familienbild und anderen technischen Möglichkeiten. Es gibt auch klare Hinweise, dass Stereotype und Rollenbilder eine Rolle spielen.

Die allgegenwärtige Corona-Krise stellt vieles auf den Kopf. Welche Folgen sind für den Pay Gap zu erwarten?
Kurzfristig leisten Frauen in vielen Familien den Großteil von Distanzunterricht und der Kinderbetreuung, soweit Schulen und Kitas geschlossen sind. Das hat auch Einfluss auf ihre Karrieren, etwa wenn sie dafür in Teilzeit wechseln oder sogar ganz kündigen müssen. Diese Effekte dürften den Pay Gap tendenziell erhöhen. Mittelfristig gibt es aber auch Chancen. Wenn die Akzeptanz von Homeoffice und die zeitliche Flexibilität nach der Pandemie erhöht bleiben, wird es einfacher, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Das dürfte vor allem Frauen zugutekommen.

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