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„Bergische Transfergeschichten“: Licht ins Dunkel bringen –
Prof. Bettina Rulofs forscht zu sexualisierter Gewalt im Sport

Paul Andrew Stewart ist ein ehemaliger englischer Fussballprofi. Sein größter Erfolg war der Gewinn des FA Cups 1991 mit den „Spurs“ aus Tottenham. Paul Andrew Stewart ist aber auch eines der prominenten Opfer sexualisierter Gewalt im Sport. 2016 berichtete er erstmals über den Missbrauch durch seinen Jugendtrainer, den er im Alter zwischen 11 und 15 Jahren erfahren hat. Dass das Phänomen der sexualisierten Gewalt nicht nur ein Problem des Leistungssports ist, sondern auch im Breitensport vorkommt, davon geht Dr. Bettina Rulofs, Professorin für Sportsoziologie an der Bergischen Universität, aus – allein es fehlen die wissenschaftlichen Belege. Diese unbekannten Mechanismen offenzulegen, ist das Ziel des Forschungsprojekts „SicherImSport“, das unter der Leitung der Wuppertaler Wissenschaftlerin im Sommer 2020 startete. In den Bergischen Transfergeschichten berichtet sie über die Hintergründe.

Prof. Dr. Bettina Rulofs
Foto Özlem Eryigit
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„Uns fehlten Daten zum Breitensport. Das habe ich auf einer Veranstaltung erwähnt, wo auch Vertreter des Landessportbundes NRW zugegen waren, die mich dann ermuntert haben, einen Antrag auf Forschungsförderung einzureichen“, berichtet sie. Wie sensibel die Herangehensweise an das Thema ist, zeigt sich schon in der schwierigen Präzision der Frage, wo eine sexualisierte Grenzverletzung beginnt. „Die Einschätzung, was eine sexualisierte Grenzverletzung ist, ist subjektiv. Es gibt wohl einen gesellschaftlichen Konsens“, erklärt die Wissenschaftlerin, „der besagt, dass sexuelle Handlungen, die mit Körperkontakt stattfinden, in Konstellationen, die von einer Abhängigkeit geprägt sind, also zum Beispiel bei einem Lehrer*innen-/Schüler*innenverhältnis oder Trainer*innen-/Athlet*innenverhältnis, als sexuelle Grenzverletzung oder gar Gewalt zu werten sind.“ Schwieriger sei es im Bereich der verbalen, sexualisierten Grenzverletzungen sowie gestischen Grenzverletzungen oder wenn jemand einem zu nah komme. Gerade im Sport gebe es immer wieder Situationen, die individuell behandelt werden müssen, da Jeder und Jede Nähe anders wahrnehme. So entstünden nicht nur in Umkleide- oder Duschsituationen eben solche Momente, vielmehr müsse bei notwendigen Hilfestellungen in Training oder Unterricht, wie zum Beispiel Übungen am Turnreck, notwendige Berührungen zur Sicherung der Person klar geregelt sein, damit nicht im Nachhinein der Vorwurf einer sexualisierten Grenzverletzung im Raum stehe. „Mit Transparenz und Kommunikation kann man da sehr viel tun“, sagt Rulofs.

Forschungsprojekt geht über NRW hinaus

„Der Landessportbund NRW hat diesen Antrag geprüft und bewilligt. Er hat sich dann dazu entschlossen, auch weitere Landessportbünde zu bitten, sich an der Finanzierung zu beteiligen, sodass wir nun dieses Projekt auch in weiteren Landessportbünden in Deutschland aufrollen. Das ist sehr schön gelungen. Wir können nun Studien auch über NRW hinaus vornehmen“, freut sich die Forscherin. Das Universitätsklinikum Ulm, mit dem Rulofs bereits ein ähnliches Projekt zum Leistungssport realisiert hat, ist dabei nun erneut Kooperationspartner. Dazu führen die Forscher*innen Onlinebefragungen sowohl mit Vereinsmitgliedern über die Häufigkeit von Gewalt und Missbrauch in Sportvereinen (Link zur Umfrage), als auch mit Stadt- und Kreissportbünden sowie Fachverbänden einzelner Sportarten zu Präventions- und Interventionsmaßnahmen durch.

Problematische Fallkonstellationen stehen ebenfalls im Fokus, denn „oftmals ist es so, dass sich ein Fall von sexualisierter Gewalt aus Sicht der Betroffenen ganz anders darstellt, als aus Sicht eines Sportvereins, der diesen Fall in irgendeiner Weise bearbeiten oder lösen muss. Wir möchten diese verschiedenen Perspektiven und damit verbundene Konfliktlagen an ausgewählten Fällen von sexualisierter Gewalt rekonstruieren.“ Anonym, vertraulich und freiwillig seien diese Befragungen, betont Rulofs. In den letzten Jahren habe sie, auch durch Berichterstattungen in den Medien, festgestellt, dass es eine stärkere Offenheit und Bereitschaft der Öffentlichkeit zu diesem Tabuthema gebe. Daher hoffe sie auf eine rege Beteiligung.

Kann man Betroffene und Täter überhaupt zahlenmäßig erfassen?

Die vorangegangene Studie zu Gewalt und Missbrauch im Leistungssport hat alarmierende Zahlen hervorgebracht. „Die Erhebung fand im Winter 2015/2016 statt. Wir haben damals alle Kadersportler und -sportlerinnen in Deutschland über den Deutschen Olympischen Sportbund kontaktiert. Das waren knapp 7000 Menschen. Dabei hatten wir einen Rücklauf von 1799 Athlet*innen, die sich an der Befragung beteiligten. 48 Prozent der teilnehmenden Frauen und 23 Prozent der Männer berichteten uns, schon einmal eine Form von sexualisierter Gewalt im Kontext des Sports erfahren zu haben“, erläutert Rulofs. Die Bandbreite der Abfrage über Vorfälle sexualisierter Gewalt erstreckte sich dabei von verbalen Grenzüberschreitungen über sexuelle Belästigungen bis zu Gewalterfahrungen mit Körperkontakt, einschließlich Vergewaltigungen. Insgesamt gaben 5 Prozent der Athletinnen und 1 Prozent der Athleten an, sexuelle Gewalt mit Körperkontakt im Kontext des Sports erfahren zu haben. Diese Daten existieren aber nur für den Leistungssport“, betont sie, „deshalb ist jetzt der Plan, die Untersuchung auszuweiten, denn der Breitensport ist zahlenmäßig gewichtiger in Deutschland.“

Betroffenen eine Stimme geben

Professorin Rulofs war einige Jahre an der Deutschen Sporthochschule Köln tätig und hat während dieser Zeit in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sportjugend (dsj), dem Deutschen Kinderschutzbund Bundesverband e.V und weiteren europäischen Partnern das Projekt VOICE (Voices for truth and dignity) durchgeführt. Darin ging es um die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt im gemeinnützig organisierten Sport durch die Stimmen der Betroffenen. „Das waren überwiegend schwere Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch, die uns in dieser Studie von den Betroffenen selbst berichtet wurden.“ Die im Kreis Kleve geborene Wissenschaftlerin spricht in diesem Zusammenhang immer von Betroffenen, statt von Opfern, denn viele hätten auch einen Weg aus dieser bedrückenden Erfahrung gefunden. „Natürlich sagen die Betroffenen, sie sind auf der einen Seite Opfer, haben darunter zu leiden und schwerwiegende Einbußen hinzunehmen“, betont Rulofs, „aber sie betonen auch immer wieder, dass sie nicht nur Opfer seien.“

Viele Betroffene von sexualisierter Gewalt haben durch Therapien oder sonstige Unterstützung aus dem persönlichen Umfeld, einen Weg der Verarbeitung gefunden, der sie heute wieder ganz gut dastehen lässt. Dagegen gebe es aber auch einzelne Menschen, für die es sehr schwierig sei und die eben auch viele Jahre später mit schweren posttraumatischen Belastungsstörungen zu tun hätten. Schwerwiegende Folgen durch Missbrauch äußerten sich bei Menschen in Form von starken psychischen Krisen, die oftmals mit Klinikaufenthalten verbunden sind und verschiedene Probleme im Alltag hervorrufen können. „Sexueller Missbrauch im Sport kann schwerwiegende, psychische Folgen haben“, erklärt sie, „auch Schwierigkeiten zum Beispiel die Schule zu beenden, eine Ausbildung abzuschließen, eine Arbeit zu finden, oder sich auf Beziehungen einzulassen.“

Informationen gelangen nicht zur Basis

Sexualisierte Grenzverletzungen im Sport finden auch in Bildungseinrichtungen statt. Einen Leitfaden für Schulen gibt es von der Bezirksregierung unter dem Titel „Sexualisierte Gewalt in der Schule. Leitfaden zum Umgang mit Verdachtsfällen sexueller Grenzverletzungen, Übergriffe und Straftaten durch Lehrkräfte und weitere Beschäftigte in der Schule“. Aber wie hilfreich ist dieser Leitfaden? „Leitfäden sind an sich gut, weil sie erstmal schriftlich fixieren, was bestimmte Grundsätze oder Handlungsempfehlungen zu diesen Problemen sind“, sagt Rulofs. „Sie zeigen, was Schulen, Schulleitungen aber auch einzelne Lehrkräfte tun können, um mit diesem Thema umzugehen.“ Die Schwierigkeit dabei ergebe sich aus der einfachen Tatsache, dass diese Leitfäden oft nicht bei der Zielgruppe ankämen. „Wir haben das auch in unseren Studien zum Sport gesehen: Beispielsweise auf der untersten Stufe, des relativ komplexen Sportverbandsystems, also bei den Vereinen, kommt das Thema noch nicht genügend an und wenige Vereine haben zum Beispiel Ansprechpersonen oder ein eigenes Schutzkonzept. Es fehlen Schulungen oder ein Ehrenkodex für Trainer und Trainerinnen, also all diese Schritte, die es einem leichtmachen könnten, Prävention zu betreiben.“

Rulofs plädiert für Fortbildungen und dem Arbeiten an einer Bewusstseinsbildung. In dem genannten schulischen Leitfaden gebe es zum Beispiel ein extra Kapitel für Sportlehrer*innen erklärt sie, „und ich nehme diese Verhaltenstipps, die da für Sportlehrkräfte drinstehen, zum Beispiel immer mit in ein Seminar im Bachelorstudium, um das mit angehenden Sportlehrer*innen zu besprechen und ganz konkret zu machen. Was bedeutet das? Wie können wir uns verhalten, wenn es um Hilfestellungen geht? Wie kann ich mich auch als Lehrkraft vor falschen Verdachtsäußerungen schützen? Das schwingt bei dem Thema leider auch immer mit. Das interessiert die Studierenden auch, sie haben großes Interesse, mehr darüber zu erfahren. Sie möchten sich auf dieses Thema vorbereiten.“

Perspektiven aller Akteure betrachten

Der sensibelste Teil ihres aktuellen Projektes ist zweifellos die Zusammenführung der unterschiedlichen Perspektiven aller beteiligten Konfliktpartner bei Vorkommnissen von sexualisierter Gewalt. „Es gibt bei der Bearbeitung von Fällen große Konfliktlagen, weil verschiedene Akteure daran beteiligt sind. Die Betroffenen selbst, oftmals der Trainer oder die Trainerin im Umfeld, die Vereinsleitung sowie die Eltern der Betroffenen. Dann gibt es noch eine Ebene höher den Fachverband, der versucht, den Verein zu beraten. Und noch einmal eine Ebene höher gibt es den Landessportbund, der auch nochmal versucht, seine Perspektive einzubringen. Alle sind oftmals für sich sehr wohl bemüht, diesen Fall in irgendeiner Weise gut zu bearbeiten, aber es entstehen einige Probleme und Dissonanzen. Nicht selten geraten dabei die Rechte und Interessen von Betroffenen aus dem Blick.“ Es müsse ein Verständnis für die Perspektive des anderen erreicht, Handlungslogiken des jeweiligen Akteurs verstanden werden, um an einer gemeinsamen Lösung arbeiten zu können. „Durch die intensivere Aufarbeitung von einzelnen Fällen hoffen wir, Handlungsempfehlungen entwickeln zu können, wie man Probleme bei der Fallbearbeitung möglichst frühzeitig erkennen und beheben kann“, beschreibt Rulofs die Situation. „Es muss eine sachliche, transparente und um gegenseitiges Verständnis bemühte Kommunikation stattfinden.“

Projekt mit gesellschaftlichem Nutzen

Das Forschungsprojekt „Sexualisierte Grenzverletzungen, Belästigungen und Gewalt im organisierten Sport in NRW“ verlangt allen Beteiligten ein Höchstmaß an Sensibilität ab. Es geht um bedrückende, heikle und schmerzhafte Informationen, die das Team um Bettina Rulofs bearbeiten und auszuwerten hat. Abschließend sagt sie: „Ich habe oft für mich festgestellt, dass mich dieses Thema sehr berührt. Die Berichte von Betroffenen lassen uns nicht kalt, sie gehen unter die Haut. Ich habe für mich als Wissenschaftlerin den gesellschaftlichen Nutzen in der Bearbeitung dieses Themas sehr stark erkennen können und das finde ich bereichernd für mein Forscherinnenleben. Es treibt mich an, an diesem Thema weiter zu forschen, weil ich hoffe, dadurch sowohl für die Betroffenen von sexualisierter Gewalt als auch für die Sportvereine etwas bewirken zu können. Und da vielleicht etwas Gutes zu tun und dafür zu sorgen, dass Sportvereine zukünftig sensibler damit umgehen, das finde ich persönlich wichtig.“

Uwe Blass

Diese und weitere Transfergeschichten lesen Sie auch hier.


Prof. Dr. Bettina Rulofs studierte Sportwissenschaft an der Deutschen Sporthochschule Köln sowie Englisch auf Lehramt an der Universität zu Köln. Nach ihrer Promotion lehrte sie an Universitäten in Köln, Wien und Paderborn. Seit 2019 ist sie Universitätsprofessorin für Sportsoziologie der Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften am Institut für Sportwissenschaft der Bergische Universität.