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„Bergische Transfergeschichten“: Ehevorbereitungen im Hause Engels

Wie war das mit der Liebe bei den Engels? Das verraten private Briefe, die Prof. Dr. Wolfgang Lukas von der Bergischen Universität nun einem interessierten Publikum durch eine neue Online-Edition zugänglich machen will. In den Bergischen Transfergeschichten berichtet der Wuppertaler Editionsphilologe und Kulturwissenschaftler außerdem über eine Medieninstallation im Wuppertaler Engelshaus, die die Besucher*innen mit auf eine Zeitreise zu den Ehevorbereitungen von Vater und Großvater Engels nimmt.

Prof. Dr. Wolfgang Lukas
Foto Friederike von Heyden
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Hintergrund der Projekte sind die ca. 350 Familienbriefe, die sich seit den 80er Jahren im Stadtarchiv befinden und die der ehemalige Leiter des Historischen Zentrums der Stadt Wuppertal (heute das Museum Industriekultur Wuppertal), Michael Knieriem, in Engelskirchen entdeckt hatte: eine Familienkorrespondenz der Eltern und Großeltern Friedrich Engels‘, aus dem Zeitraum 1791 bis 1858. Neben der Online-Edition hat Lukas, in Kooperation mit Prof. Dr. Kristian Wolf, maßgeblich zu der im neu restaurierten Engelsmuseum vorbereiteten Familienausstellung beigetragen. „Die Besucher*innen erwartet eine Medieninstallation, die Text, Bild und Ton kombiniert“, verrät er.

Nun würden 350 Briefe auch interessierte Besucher*innen hemmungslos überfordern, sodass der Literaturwissenschaftler eine Auswahl vorgenommen hat. „Es sind genau 18 Briefe, die wir nach Themen geordnet haben. Ich nenne mal die Bereiche Religion, Liebe/Erotik, Politik und die Geschäftsbeziehungen.“ Besonders stolz ist Lukas auf die Museumsinstallation. „Auf einem großen Touchscreen, stehen die 18 Briefe zur Auswahl. Es gibt eine Zeitleiste, und ich bekomme meine gewünschten Informationen nach Personen oder Themen angeboten.“ Ein Clou dieser Präsentation sei zweifelsohne die akustische Umsetzung der Beispielbriefe. „Wir haben alle Briefe von dem Schauspieler Olaf Reitz und der Schauspielerin Caroline Keufen von den Wuppertaler Bühnen einlesen lassen. Man nimmt sich Kopfhörer und es laufen die Originalbriefe im Faksimile über eine Projektionsfläche am Fenster. Ich sehe nur die alte Schrift, die sogenannte Deutsche Kurrent, und es ist so synchronisiert, dass ich die Zeile, die gerade gesprochen wird, auf der Leinwand sehe. Das ist wunderbar, diese alte Handschrift und die professionelle Stimme dazu“, erklärt er begeistert. Auf dem Touchscreen gebe es drei Ansichten: das Faksimile, also die Kopie des Originals, eine wissenschaftliche Wiedergabe (diplomatische Transkription) sowie, als dritte Version, eine Lesefassung in einer leicht modernisierten Form, jedoch nicht an der neuen Rechtschreibung orientiert. „Wir möchten damit gerne die kulturhistorisch Interessierten als auch die philologisch im engeren Sinne Interessierten ansprechen, die ihr Wissen vor Ort vertiefen können.“

Eheanbahnungen im Wandel

Aber was ist an dieser Familienkorrespondenz eigentlich so spannend? Neben den verschiedenen Themen fällt ein historischer Aspekt besonders ins Auge: Der Wandel der Eheanbahnungen im Hause Engels. „Das ist für mich einer der spannendsten Punkte an diesem Briefwechsel, weil wir den Briefwechsel zwischen Großvater und Großmutter sowie Vater und Mutter haben. Der ist zwar etwas einseitig, aber dieser Braut- und Ehebriefwechsel beginnt zu dem Zeitpunkt 1791, als sich der Großvater Johann Caspar Engels eine zweite Frau sucht, weil seine erste Frau, Johanna Konstantia, früh gestorben ist“, erklärt Lukas. Da beginne der Briefwechsel und gehe dann weiter bis in die Zeit der ersten Ehejahre. „Ca. 30 Jahre später, um 1820 herum, kommt dann der Sohn, also Friedrich Engels Vater, und macht dasselbe. Aber dasselbe ist total anders!“

Die Eheplanungen im 18. und frühen 19. Jahrhundert hatten noch klare Vorgaben, vor allem im Adel und in den ländlichen Schichten, aber auch noch im Bürgertum. „Der Adel dachte in Kategorien von Allianzen und Genealogien. Die Bauern hatten ökonomische Aspekte der Versorgung im Blick, man brauchte eine tüchtige Bäuerin auf dem Hof. Also Liebe war nicht die erste Voraussetzung“, sagt Lukas. Der Wandel in den Eheanbahnungen sei zwischen den Briefen des Großvaters und denen des Vaters von Friedrich Engels sehr schön nachvollziehbar, denn Letzterer habe sich tatsächlich in seine spätere Frau, Elisabeth Franziska Mauritia van Haar, genannt Elise, verliebt. Um seine beginnende Liebesgeschichte nicht zu gefährden, musste sich Friedrich Engels Senior jedoch mit den damaligen Konventionen arrangieren, sodass einige seiner Briefe nicht direkt verschickt werden konnten. „Man muss sich vorstellen, Briefverkehr, das war immer ein Ereignis. Wenn der Postbote einen Brief brachte, war es sehr üblich, dass der ,en famille‘ verlesen wurde. Also man musste schon, wenn man etwas schreiben wollte, das nicht von der ganzen Familie gelesen werden sollte, es heimlich zustellen lassen.“ Das seien die ersten Zeichen einer wachsenden Intimität, betont Lukas und es sei nachgewiesen, dass eben solche Briefe über eine Hausangestellte, einen Freund oder eine Schwester überbracht wurden.

Engels’ Vorsicht ist bemerkenswert, und auch später legt er noch Wert auf briefliche Intimität. „Da droht er auch mal seiner Frau und schreibt, wenn ich erfahre, dass du meine Briefe irgendjemand anderem zeigst, dann schreibe ich dir nie wieder solche Intima.“  Hier wird eine modernere Liebeskonzeption deutlich, wie sie vor allem von der romantischen Literatur um und nach 1800 propagiert wurde und die in der bürgerlichen Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts zum Modell der sogenannten Liebesehe führt.

Die Online-Edition

Die Korrespondenz der Familie Engels soll durch die Aufarbeitung für die Online-Edition nun einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. „Wir haben alle Originale in der Hand gehabt“, sagt Wolfgang Lukas und lobt die gute Zusammenarbeit mit dem Museum Industriekultur Wuppertal und dem Stadtarchiv. In mehreren Masterseminaren des Studiengangs Editions- und Dokumentwissenschaft hat der Wissenschaftler mit seinen Studierenden die Briefe regelrecht autopsiert und nach Wasserzeichen, Textabständen und Schrifterkennung geforscht. Neben dem schriftlichen Erfassen kam dann auch die digitale Umsetzung dazu. Lukas fand einen Studenten des Masters Druck- und Medientechnologie, der die medientechnologische Aufarbeitung übernahm. Für die inhaltliche Sichtbarkeit bedurfte es weiterer Spezialist*innen aus dem Bereich der Informatik sowie des Medien-/Interfacedesigns. Unter Leitung von Prof. Lukas und Prof. Wolf arbeiten derzeit sieben (z. T. ehemalige) Studierende aus vier verschiedenen Fakultäten der Bergischen Universität an den beiden Projekten.

Man darf gespannt sein, sowohl auf die baldige Wiedereröffnung des Engelshauses als auch auf die Freischaltung der umfassenden Online-Edition, die unter der Adresse www.familie-engels-briefe.de abrufbar sein wird. Und das Ende ist nach wie vor offen, denn im Stadtarchiv warten noch weitere Korrespondenzen aus dem Umfeld der Familie Engels auf ihre Sichtung, die die Familienstruktur einer Bergischen Dynastie in Zukunft noch vervollständigen kann.

Uwe Blass


Wolfgang Lukas studierte Germanistik und Romanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und promovierte ebenda. Er habilitierte sich an der Universität Passau. 2006 übernahm er den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte und Editionswissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal.