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Bergische Transfergeschichten: „Die jüngere Generation fordert uns heraus“

20-Jährigen müsse man wissenschaftlich alles zutrauen und sie als erwachsen betrachten, sagt Prof. Dr. Rita Casale in den Bergischen Transfergeschichten. Die Erziehungswissenschaftlerin und Philosophin will die Urteilsfähigkeit der nächsten Generation mit konkreten Bildungsangeboten in der Lehre schärfen und dadurch auch ihre Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen fördern.

Prof. Dr. Rita Casale
Foto UniService Transfer
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Ein Virus legt seit anderthalb Jahren das gesellschaftliche Leben der ganzen Welt scheinbar auf Eis. Alle uns angenehmen und vertrauten Freiheiten enden vor verschlossenen Türen, selbst der intime Privatbereich wird reglementiert. Mittlerweile macht sich Resignation in der Bevölkerung breit, die Menschen sind mütend (müde und wütend). Statt in Agonie zu verfallen, bemühen sich aber auch viele, der Krise zu trotzen und entwickeln neue Formate, weil die Welt sich weiterdreht. Die Erziehungswissenschaftlerin und Philosophin Prof. Rita Casale ist so ein Mensch. Sie hat u. a. mit ihrem Kollegen Prof. Dr. Fabian Kessl die sogenannten Coronagespräche als Podcast initiiert. Darin beleuchtet sie unter erziehungswissenschaftlichen Aspekten die Auswirkungen der Situation auf die Lehre und den Alltag. „Das war ein interessantes Experiment“, beginnt sie, „wir haben in diesen Gesprächen versucht, zwei Dimensionen miteinander in Verbindung zu bringen, die in der deutschen Universitätstradition oft getrennt sind, nämlich eine intellektuelle und eine fachliche Perspektive. Entweder man ist intellektuell und spricht über alles, oder man ist ein Experte und traut sich nicht, etwas über eine allgemeine Entwicklung zu sagen.“

Intellektualität sei auch eine Form des Transfers, erklärt sie, denn ausgehend von der fachlichen Perspektive, in der man sich als Wissenschaftler*in zu Hause fühle, sei man auch verpflichtet, Positionen zu gesellschaftlichen Entwicklungen zu beziehen. Eine uns alle beschäftigende Frage sei dabei: „Welche Veränderung hat die Krise mit sich gebracht, und mit welchen Veränderungen müssen wir nach der Krise noch umgehen?“ Die Pandemie führe automatisch zu keinen Veränderungen, aber sie mache Prozesse sichtbar und zeige Dynamiken auf, die schon vorher da waren. Veränderungen, sagt sie bestimmt, hingen nicht nur von der Politik, sondern auch von Vertreter*innen der Zivilgesellschaft ab. Gerade im schulischen-, universitären- und wissenschaftlichen Bereich könne man diese Veränderungen gut beobachten.

Schule als Lernort oder Fernlernort 

Casale hat den Akzent auf selbstgesteuertes Lernen im schulischen Bereich in den letzten zwei Jahrzehnten kritisch verfolgt. Die Befähigung der Kinder, allein zu lernen sei dabei zwei wesentlichen Faktoren unterworfen, die sie mit dem Begriff der Sozialität umschreibt. Diese zeige sich zum einen in der Beziehung der Kinder untereinander, denn, so formuliert sie, „die Kinder lernen, wenn sie mit anderen Kindern in einem Raum sind anders“, und zum anderen durch die Vermittlung der Lehrkraft. „Die Lehrperson ist die Person, die im Präsenzunterricht in der Lage sein sollte, dem Kind einen wissenschaftlichen Zugang zur Welt zu erschließen. Wenn diese Person wegfällt, fehlt etwas Wesentliches“, betont sie und das könne auch von engagierten Eltern nicht aufgefangen werden, denn „an unterschiedlichen Orten geschehen unterschiedliche Dinge“. Investitionen seien daher nötig, die sich nicht nur auf die Sanierung von Räumlichkeiten beziehen sollten. „Die Schule ist nicht nur ein Ort von Lern- und Bildungsprozessen, sondern auch ein Ort der sozialisierenden und erzieherischen Prozesse. Damit hat sie eine weitreichendere Bedeutung“, schlussfolgert Casale. „Wenn wir wirklich wollen, dass Schulen Orte sind, in denen Bildungsanlässe – auch für Kinder mit unterschiedlicher Herkunft – stattfinden, ist es notwendig, dass wir diese Orte als Orte gestalten, in denen Bildungssozialisation und Lernprozesse wirklich stattfinden können.“

Wie Bildung zur Meinungsfindung und Beurteilung einer Situation oder Lage beitragen kann, konnte die Wissenschaftlerin, deren Forschungsschwerpunkt u. a. das Verhältnis von Bildung zwischen Universität und Staat in der Moderne ist, gerade in der Coronakrise deutlich verfolgen. „Aus meiner Perspektive haben die Wissenschaft und vor allem die Naturwissenschaften in diesem Fall exemplarisch gehandelt. Ihre Funktion ist über die Beratung hinausgegangen. Die Kolleg*innen der Naturwissenschaften haben für mich auf der Basis eines Verständnisses von Forschung, welches von Autonomie geprägt ist, als eine Kontrollinstanz fungiert.“ Man könne schon in frühen Texten zur Gründung einer modernen Universität beispielsweise bei Wilhelm von Humboldt erkennen, dass sie immer auf die Funktion der Nützlichkeit für die Gesellschaft bauten, unter Beibehaltung ihrer Autonomie. „Man ist auf die Grundlagenforschung der Wissenschaft angewiesen!“ Die Covidpandemie zeige, dass sie sowohl sozial, gesellschaftlich, politisch sowie medizinisch durch eine unglaublich große Kooperation bewältigt werden könne.

Gesellschaftliche Konstellationen müssen begriffen werden 

Im Wahljahr 2021 achten viele Menschen aufgrund von Lockdown oder Impfprocedere ganz besonders auf politische Entscheidungen. Die freiheitlichen Bedürfnisse der Menschen werden seit anderthalb Jahren nicht mehr befriedigt. Auf die Frage, ob Bildungsangebote den Menschen die Situation besser begreiflich machen können antwortet die gebürtige Italienerin: „Ja, aber das sind langfristige Prozesse. Wir haben in den letzten Jahren zu wenig in politische Bildung investiert. Wir haben ein Verständnis von Wissen bevorzugt, dass auf Kompetenzen gerichtet ist, was total wichtig war und für die Demokratisierung von Wissenschaft von entscheidender Bedeutung gewesen ist, und das möchte ich auch nicht missen“, erklärt sie, aber eine moderne Massenuniversität dürfe ihren Erfolg nicht allein an der Vielzahl von Abschlüssen festmachen. Daher fordert sie ganz konkret: „Wir brauchen wieder eine Universität, die Studierende ausbildet, die in der Lage sind, die Prozesse in ihrer gesellschaftlichen Konstellation zu begreifen.“

Als der junge Humboldt im 18. Jahrhundert den modernen Bildungsbegriff in einem Text, in seiner sogenannten Staatsschrift formulierte, dachte er Bildung als ein Verhältnis zwischen Individuum, Staat und Universität. „Was bedeutet das nun für die Gegenwart?“, hinterfragt Casale und antwortet, „für mich, ich lehre hier Bildungstheorie und auch Bildungsgeschichte, bedeutet das heute, Bildung als eine Konstellation, die im Verhältnis Individuum, Staat und Universität besteht, zu verstehen“. Und dabei wird sie auch von ihren Studierenden gefordert. „In den letzten zwei bis drei Jahren gibt es eine unglaubliche Nachfrage von Studierenden nach einem anderen Lehrangebot. Ich glaube, die jüngere Generation fordert uns heraus und erwartet etwas von uns. Das finde ich ausgezeichnet. Ich weiß noch nicht, ob wir dazu in der Lage sind, ob wir das in den vergangenen Jahren verschlafen haben und die Jüngeren als Kinder behandelt haben. Ich glaube, 20-Jährigen muss man wissenschaftlich alles zutrauen, man muss sie als erwachsen betrachten.“ Daher sucht Casale auch immer den direkten Kontakt und weiß: „Wenn wir Studierende befähigen, dieses Verhältnis zu verstehen, tragen wir dazu bei, dass sie in der Lage sind, selbständig auch politische Entscheidungen zu treffen.“

Die Entwicklung der eigenen Urteilsfähigkeit

Der Weg hin zur eigenen Entscheidung ist oft nicht einfach, aber unerlässlich, um als Mensch die Gesellschaft mitzugestalten. Dazu bringt Casale auch in Kürze ein Buch heraus, in welchem sie exemplarisch anhand von überarbeiteten Vorlesungen schildert, wie sich eine Urteilsfähigkeit entwickeln kann. „Was ist ein Urteil? Wie trägt man zur Urteilsfähigkeit bei? Ein Urteil ist etwas mehr als eine Übertragung oder eine Einwendung von einem Wissen, dass wir auf einem anderen Gebiet haben. Wenn wir es anwenden, beurteilen wir nicht, sondern wenden lediglich an. Wir sind gezwungen zu beurteilen, oder ein Urteil zu fällen, wenn die Situation uns überrascht. Wenn von uns verlangt wird, die Situation einzuschätzen. Eine Situation des Nichtwissens.“ Da sei es besonders schwierig, Entscheidung und Urteil voneinander zu trennen, denn man greife auch bei Entscheidungen im Alltag zunächst auf das zurück, was man kenne. Nun käme aber das „Neue“ hinzu, über das man keine Kenntnis habe. Casale erklärt ihre Vorgehensweise anhand des Erziehungsbegriffs. Der Prozess bestehe darin, jedes Phänomen in seine strukturellen Elemente zu dekomponieren, also auseinanderzunehmen, zu verstehen und im nächsten Schritt wieder neu zu kombinieren. „Diesen Prozess bearbeite ich mit den Studierenden in verschiedenen Phänomenen. Ich fälle erst das Urteil, wenn mir die Elemente bewusstgeworden sind und ich alles wieder zusammengesetzt habe.“

Können also Bildungsangebote das politische und gesellschaftliche Handeln der Bürger*innen beeinflussen? Casales Fazit ist eindeutig. „Sie können zur Bildung eines politischen Urteils, zur Selbstbestimmung und zur politischen Mündigkeit beitragen. Einen unmittelbaren Einfluss auf das politische Handeln sollten sie nicht ausüben. Ich bin eine Vertreterin der Autonomie der Wissenschaft. Nur als autonome Einrichtung können Universitäten politisch und gesellschaftlich von großer Bedeutung sein.“

Uwe Blass

Die vollständige Transfergeschichte lesen Sie hier.


Prof. Dr. Rita Casale studierte Philosophie und Geschichte in Bari, Paris und Freiburg im Breisgau. Nach beruflichen Stationen u. a. in Frankfurt am Main, Zürich und Fribourg kam sie 2009 an die Bergische Universität und lehrt dort in der Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften Allgemeine Erziehungswissenschaft/Theorie der Bildung. Sie hat verschiedene Bände zu pädagogischer Historiografie, zu feministischer Theorie und Geschichte herausgegeben und zahlreiche Schriften zum politischen und pädagogischen Denken in der Moderne sowie zur zeitgenössischen Philosophie verfasst.