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Jahr100Wissen: Don`t cry for me Argentina
Ein soziologisches Interview über Evita Perón mit Prof. Dr. Peter Imbusch

In der Reihe „Jahr100wissen“ beschäftigen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Bergischen Universität mit 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen, die die Gesellschaft verändert und geprägt haben. Am 7. Mai wäre Eva Perón100 Jahre alt geworden wäre; in Argentinien gilt sie bis heute als „Engel der Armen“. Ein Jahr100Wissen-Interview mit dem Soziologen Prof. Dr. Peter Imbusch.

Soziologe Prof. Dr. Peter Imbusch
Foto Foto UniService Transfer

Herr Imbusch, Sie haben im Forschungsmagazin OUTPUT über den Populismus in Lateinamerika geschrieben. War Eva Duarte, genannt Evita, eine Populistin?

Wenn man den Begriff nicht kurzschließt mit dem gegenwärtigen Populismus, sondern differenziert betrachtet, dann ja: Bei ihr – wie bei Perón selbst – finden sich alle Merkmale, die man typischerweise mit Populismus assoziiert: die Dichotomie Elite vs. Volk, ein Selbstverständnis der Verkörperung des Volkswillens, direkte Ansprachen an das Volk und die Identifizierung mit den sogenannten ‚descamisados‘, bestimmte Rituale und eine hohe Emotionalisierung der Politik, ein Selbstverständnis als Sprachrohr der Armen und Unterdrückten, etc.

Ihre Abneigung gegen die traditionelle Oligarchie entsprach spiegelbildlich der Verfluchung und dem Hass der argentinischen Eliten auf ihre Person. Wichtig wäre aber daran zu erinnern, dass der damalige Populismus einen ganz anderen gesellschaftlichen Zuschnitt hatte als die beiden späteren Wellen des Populismus in den 1980er und den 2000er Jahren. Und der damalige Nationalismus ist eben auch nicht vergleichbar mit dem dumpfen Nationalismus der Rechtspopulisten heutzutage.

Von Eva Perón stammt das Zitat: „Eine Schauspielerin in der Regierung ist genug!“ Ihr Aufstieg liege an der Dritte-Welt-Struktur Argentiniens, behaupten Kritiker. Wie schaffte sie es, die Massen zu begeistern?

Na ja, damals war Argentinien eigentlich kein typisches Dritte-Welt-Land, es gehörte ja bis in die 1920er Jahre hinein zu den reichsten Ländern der Welt. Das Problem liegt eher in der internen Entwicklung mit großer sozialer Ungleichheit, Exklusion und Rechtlosigkeit der Armen, Arbeiter und Immigranten, der mittels Korruption und Vetternwirtschaft verfolgten Politik der traditionellen Eliten (Stichwort „decada infame“). Das ist ja der allgemeine Hintergrund für den Aufstieg des Peronismus. Evita selbst hatte bereits in ihrer Zeit als Schauspielerin eher auf massenwirksame Formate gesetzt, Volkstheater gespielt und dafür gesorgt, dass sie in den entsprechenden Gazetten eine ‚gute Presse‘ hatte. Der richtige Aufstieg kam aber erst mit Perón.

Zum Aufstieg dürfte ihre Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit beigetragen haben, mit denen sie ihr mittelmäßiges Talent als Schauspielerin übertüncht hat. Die Massen begeisterte sie natürlich dadurch, dass sie sich zum Sprachrohr der Unterschichten machte, dass sie immer wieder glaubhaft machen konnte, dass sie selbst eine von ihnen war, und dann natürlich dadurch, dass sie schließlich – auch ohne formales Amt in der Regierung – über beträchtliche Mittel und Instrumente verfügte, Wohltaten unterschiedlicher Art für diese Gruppe durchzusetzen. Sie sah sich selbst als „Mutter der Nation“, wurde mit der Zeit als Wohltäterin und Heilige verehrt. Der Rhetorik folgten also durchaus Taten! Und dann ist da natürlich noch die schöne junge Frau an der Seite von Perón, die Stilikone … und durch ihren frühen Tod auch ein gewisser Märtyrerstatus.

Sie wollte als Mutter der Nation wahrgenommen werden. Sie verbarg ihre Erotik. Ihre Kleider wurden bei offiziellen Anlässen immer biederer, sie legte sich den berühmten Haarkranz zu, der extra für sie erfunden worden war. Wenn sie sich unters Volk mischte, spielte sie andererseits gern die glamouröse Prinzessin. Die Botschaft war: „Wer sich anstrengt und sich von mir helfen lässt, kann es – wie ich – nach oben schaffen.“ War das alles nur Show?

Nein, sicher nicht, aber das Auftreten, die unterschiedlichen Outfits zu den verschiedenen Anlässen gehörten natürlich zur Selbstinszenierung der Person dazu. Die Botschaft war wohl eher hoffnungsvoll gemeint. Seht her, ich komme aus ärmlichen Verhältnisse und habe es geschafft, ihr könnt das auch. Ich sage euch, wie das geht; ich bereite euch den Weg, den ihr gehen müsst. Aber auch: Wenn ihr euch einfügt, könnt ihr von mir profitieren. Der Peronismus war ja diesbezüglich so eine Art autoritärer Paternalismus, mit dem Evita keine Probleme hatte.

Sätze wie: „Ich verlange mehr Rechte für Frauen, weil ich weiß, womit Frauen sich herumschlagen müssen“, oder die Einführung des Frauenwahlrechts 1947, welches auf sie zurückgeht, stilisieren sie zur Galionsfigur in der Frauenbewegung Argentiniens. Hat sie tatsächlich dazu beigetragen?

Ja und nein. Auch hier ist das Bild eher ambivalent: Einerseits hat sie zweifellos zur Emanzipation der Frauen beigetragen, indem sie ihnen Anerkennung und Würde gab, andererseits war sie sicherlich keine Feministin im heutigen Sinne des Wortes. Ihr Rollenbild und ihr Rollenverständnis waren eher konventionell. Viele Errungenschaften der Frauenbewegung im Hinblick auf Gleichberechtigung und Emanzipation waren schon lange auf den Weg gebracht. Die „Fundación Eva Perón“ hat sich allerdings sehr um benachteiligte Frauen gekümmert und die alte „Sociedad de Beneficencia“ als Wohltätigkeitsorganisation der ‚clase alta‘ ins Abseits geschoben. Das Frauenwahlrecht 1947 war eher so eine Art Belohnung für die Mission der Frauen und ihr Engagement für Perón. Deshalb hatten ja sowohl die bürgerliche Frauenbewegung wie die sozialistische Frauenbewegung in Argentinien ihre Probleme mit Evita.

Trotzdem ihr Mann, Präsident Juan Perón, Argentinien in zwei Phasen regierte (und zweimal ruiniert hat), besteht der Mythos Perón bis heute fort. Wie kommt das?

Die einfache Antwort würde lauten, dass seither nichts besser geworden ist in Argentinien. Peter Waldmann hat Argentinien deshalb mal ein „Schwellenland auf Dauer“ genannt. Denken Sie an den ständigen Wechsel von zivilen und militärischen Regierungen seit dem Ende der zweiten Amtszeit Peróns, die dauerhaften Krisen und Konflikte, dann die kurzzeitige Rückkehr Peróns, die brutale Militärdiktatur, die Staatspleiten, etc. Der Peronismus und seine Legate sind bis heute eine Belastung für das Land, aber ohne eine gehörige Portion Peronismus geht es scheinbar auch nicht. Perón hat etwas in die argentinische Gesellschaft eingepflanzt, was sich bis heute als Segen und Fluch zugleich erweist, wie man bis in die jüngste Geschichte des Landes nachverfolgen kann.

In dem wohl berühmtesten Song „Don`t cry for me Argentina“ aus dem Musical „Evita“, dass in Wuppertal in der Spielzeit 2013/14 noch einmal zu sehen war, singt diese „The truth is, I never left you“ (die Wahrheit ist, ich habe Euch nie verlassen). Wie geht die Welt zu ihrem 100 Geburtstag mit dieser Frau um?

Das Musical Evita ist getrieben von einem starken antiperonistischen Impuls und hat ja eher zu einem schrägen Bild der historischen Figur Eva Perón beigetragen. Sicherlich ist Evita auch heute noch eine quasi mythische Figur, deren Einschätzung aufgrund der vielen ambivalenten Aspekte ihrer Person und Politik umstritten, mehr noch umkämpft bleibt. Auf der einen Seite gibt es bis heute diese mythische Verehrung, auf der anderen Seite eine Art historische Verdammnis, die beide rational eigentlich nicht wirklich nachvollziehbar sind. In Argentinien wird es sicherlich die eine oder andere Feierlichkeit zu ihrem Jahrestag geben, gegebenenfalls liefert er den Ausgangspunkt für eine neue Erinnerungskultur. Die Auswirkungen in den USA oder Europa dürften dagegen eher überschaubar sein.

UWE BLASS

Weiteres Jahr100Wissen unter www.transfer.uni-wuppertal.de/de/jahr100wissen.html

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Prof. Dr. Peter Imbusch studierte Soziologie, Politikwissenschaften, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie Volkswirtschaftslehre und promovierte zur Sozialstrukturanalyse Lateinamerikas. Er habilitierte sich 2001. Seit 2011 lehrt er als Professor für Soziologie, insbesondere Soziologie der Politik an der Bergischen Universität.