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„Jahr100Wissen“: Mademoiselle Rrose Sélavy und ihre Schöpfer

27.07.2020|17:04 Uhr

In der Reihe „Jahr100Wissen“ beschäftigen sich Wissenschaftler*innen der Bergischen Universität mit 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen, die die Gesellschaft verändert und geprägt haben. 1920 wurde das Kunstgeschöpf Rrose Sélavy erschaffen. Von wem und was es damit auf sich hat – das erklärt Christoph Westermeier, Fotograf und Lehrbeauftragter im Fach Kunst, im „Jahr100Wissen“-Interview.

Christoph Westermeier<br /><span class="sub_caption">Foto privat</span><br /><span class="sub_caption">Klick auf das Foto: Größere Version</span>

Um 1920 erfanden der französisch-amerikanische Maler und Objektkünstler Marcel Duchamp und der US-amerikanische Fotograf Man Ray das Kunstgeschöpf Rrose Sélavy. Wer war diese Kunstfigur?

Westermeier: Auf Fotografien der Rrose Sélavy sehen wir eine ältere Person, die einen auffallenden Hut mit gemusterter Schärpe und einen Mantel mit breitem Pelzkragen trägt. Sie ist aufwendig geschminkt und scheint mit den Betrachter*innen direkten Blickkontakt aufzunehmen. Es ist eine irritierende Erscheinung, deren Geschlechtlichkeit sich nicht eindeutig klären lässt. Diese Irritation wird durch die Diskrepanz zwischen den markanten Gesichtszügen und den filigranen Händen noch unterstrichen. Auch ein Jahrhundert nach ihrem ersten Erscheinen stellt uns die Person vor ein Rätsel.

Was wir wissen: Die Person heißt Rrose Sélavy, sie ist ein Geschöpf des Allround-Künstlers Marcel Duchamp und wurde von dem Fotografen Man Ray abgelichtet. Marcel Duchamp war, als Rrose Sélavy geschaffen wurde, ein aufstrebender Künstler Anfang dreißig, der bereits international ausgestellt und den Begriff des „Readymade“ in die Kunst eingeführt hatte. Ihn verband eine produktive Freundschaft mit dem etwas jüngeren Man Ray, der sich gerade anschickte, die Fotografie zu revolutionieren.

Wie kam der Name zustande und was wollten die Künstler damit aussagen?

Westermeier: Der Name sollte laut ausgesprochen werden: Rrose – Rose, Sélavy – C’est la vie: Rosa ist das Leben. Marcel Duchamp war ein sehr reflektierter Künstler, dessen Arbeit voller Bezüge zur Kunstgeschichte ist. Geisteswissenschaftliche Erkenntnisse flossen in seine Arbeit ein und er befasste sich mit Begrifflichkeiten. Das Spiel mit Sprache, phonetisch und als Bild, war ein wichtiger Teil seiner Arbeitsweise. Der Vorname ist weiblich konnotiert und verweist auf den bekannten Satz von Gertrude Stein „Rose ist eine Rose ist eine Rose“. Das zweite „r“ ist nicht so leicht zu entziffern.

Duchamp wandte sich sowohl im Leben als auch in der Kunst gegen jede Art gesellschaftlicher Zwänge und Normen, auch gegen die tradierte Vorstellung von Sexualität. Setzten die von Man Ray gemachten Fotos damals schon die Genderdebatte in Gang?

Westermeier: Beide Künstler haben den Kunstbegriff revolutioniert und neue Maßstäbe gesetzt, die auch heute nicht an Relevanz eingebüßt haben. Dennoch würde ich weder Duchamp noch Man Ray im Bereich der Genderdebatte verorten. Ich habe in der Vorbereitung dieses Gesprächs die Bilder der Rrose Sélavy mit nicht binären Kolleg*innen besprochen, welche die Aktion als „misogyne Travestie“ bezeichneten. Ebenso sollte berücksichtigt werden, dass beide Künstler keine besonders fortschrittliche Geschlechterauffassung hatten. An dieser Stelle kommt für mich aber die Frage nach der Trennung von Werk und Autor ins Spiel und dieser Punkt sollte auch bei Rrose Sélavy berücksichtigt werden: Wenn ich mir die Bilder ohne kunsthistorisches Vorwissen anschaue, sehe ich eine mysteriöse Person, die zwischen Frau und Mann changiert. Als queerer Mensch kann ich heute darin eine queere Kodierung entdecken und Rrose Sélavy für eine Debatte über Gender zitieren, auch wenn die ursprüngliche Intention vielleicht gar nicht in diese Richtung ging. Die Doppeldeutigkeit in der Erscheinung der Rrose Sélavy ist zudem nicht das Ergebnis von Travestie, sondern ein Beispiel analoger Bildmontage: Der geschminkte Kopf Duchamps wurde in einem Retuschier-Verfahren mit den Händen einer gemeinsamen Freundin verbunden. Rrose Sélavy ist also ein Hybridwesen aus Frau und Mann, geschaffen aus – und von – mehreren Personen.

Die fiktive Person Rrose Sélavy trat zwar als Fotografie auf, niemals jedoch in der Öffentlichkeit. Duchamp unterzeichnete zudem immer mit alias Marcel Duchamp. Sollte da die Geschlechterfrage ad absurdum geführt werden, weil er/sie beides gleichzeitig war?

Westermeier: Die Literatur zu Marcel Duchamp füllt ganze Räume und nach wie vor wird sein Werk erforscht und hinterfragt. Mir scheint er ein sehr cleverer Künstler gewesen zu sein, der wusste, wie viel er preisgeben musste, um die Kunsthistoriker*innen bei Laune zu halten. Beispielsweise gibt es bis heute keine griffige Erklärung für das zweite „r“ im Vornamen der Rrose Sélavy und so kann munter weiter interpretiert werden.

Noch interessanter ist es, wenn ich diese Vorgehensweise aus praktischer Sicht betrachte. Die Möglichkeit eines Alter Egos ist in der Kunst weit verbreitet, aber Rrose Sélavy ist schon eine sehr inspirierende Erscheinung, da sie mehrere Autoren*innen verbindet und sowohl Subjekt als auch Objekt zugleich ist.

Sein Kunstgriff bot eine Möglichkeit der Identitätsgestaltung über Grenzen der traditionellen Rollenverteilung hinweg und kritisierte die Vorstellungen seiner Zeit; das Bild vom männlichen Künstler als Subjekt und vom weiblichem Modell als Objekt. Wie wirkten die Fotos auf das Publikum?

Westermeier: Marcel Duchamps künstlerische Arbeit war eine einzige Provokation. Einen Flaschentrockner als Kunstwerk auszustellen, war damals eine enorme intellektuelle Leistung und zeugt von großer künstlerischer Freiheit. Wenn man sich Duchamps Arbeit im Kontext der Zeit anschaut, fällt auf, dass – über den ganzen Globus verteilt – der Kunstbegriff neu gedacht wurde. Rrose Sélavy erschien in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft neu formatierte, alte Hierarchien über Bord geworfen und Werte neu verhandelt wurden.

Duchamp entwarf mit Rrose Sélavy ein neues Künstlerbild und Man Ray verlieh der Figur die Beleuchtung, den schwülen Look, der den Fotografen in Magazinen wie Vogue so gefragt machte. Androgynie und Geschlechtertäuschung haben eine lange Geschichte in der Kunst. Schaffte die Fotografie da neue Möglichkeiten?

Westermeier: Die populäre Verbreitung der Fotografie ermöglichte ihr ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele neue Möglichkeiten. Fotografie erschafft keine Bilder auf einer leeren Leinwand, sondern lichtet etwas ab. Ganz neue künstlerische Felder taten sich so auf und mussten verstanden und begriffen werden. Bei der Beschäftigung mit Fotografie muss über den Ausschnitt nachgedacht werden, Subjektivität und Objektivität werden neu verhandelt und der Inszenierung eines Gegenstandes oder eines Menschen kommt neue Bedeutung zu. Man Ray hat die ganze Bandbreite der Fotografie ausgenutzt und sie erweitert, indem er in der Dunkelkammer mit Solarisationen und Fotogrammen experimentierte. Was heute als technische Erneuerungen bei einer neuen Photoshop Generation gefeiert wird, hat ein Man Ray vor hundert Jahren ganz analog schon lange in der Dunkelkammer gekonnt.

Man sagt über Man Ray, dass er die Welten der Avantgarde- und Modefotografie zusammenbrachte. Sind die Bilder von Rrose Sélavy also frühe Beispiele dafür?

Westermeier: Als ich zwischen 2004 und 2010 an der Kunstakademie Düsseldorf studiert habe, habe ich mit meinen Kommiliton*innen leidenschaftlich darüber diskutiert, ob Fotografie überhaupt Kunst sei. Die Fotografie musste sich ihren Stellenwert in der Kunst lange und hart erarbeiten. Man Ray hat mit seinen fotografischen Arbeiten dazu beigetragen, aber richtig genießen konnte er es nicht. So hat er sich beispielsweise ab den 1940er Jahren von seinen kommerziellen Fotografien distanziert, um als Künstler überhaupt ernstgenommen zu werden.

Wenn ich heute mit jungen Studierenden sein Werk bespreche, spielt diese Frage überhaupt keine Rolle. Noch heute begeistert Man Ray mit seinen ungewöhnlichen Bildfindungen und Kompositionen, seine Experimentierfreude wirkt ansteckend und die Frage, ob dies Kunst oder kommerzielle Fotografie sei, wird in der Gegenwart nicht gestellt.

Herr Westermeier, 100 Jahre später, worauf richten Sie Ihre fotografischen Augen im 21. Jahrhundert?

Westermeier: Die Fotografie hat sich in den letzten Jahren unglaublich verändert. Als Jugendlicher bin ich noch mit zwei analogen Filmen à 36 Bildern in den Urlaub gefahren, während ich heute 72 Bilder in einer Minute von der Schwebebahn mit meinem Handy machen kann. Fotocommunities (Instagram, TikTok etc.) sind zu den größten Werbeplattformen der Welt geworden und es gibt eine breite gesellschaftliche Diskussion über Bildalgorithmen und Gesichtserkennung. Die digitale Revolution hat uns eine Bilderflut bereitet, die wir nur ansatzweise verstehen und die stetig wächst.

Ich selber habe gerade Streetphotography für mich wiederentdeckt. Während ich fotografierend den Corona Lockdown für mich festgehalten habe, bin ich gleichzeitig durch mein eigenes Archiv gegangen und habe meine persönliche Bilderflut gesichtet. Mit einigen der Fundstücke werde ich weiterarbeiten und mache nebenher Selfies mit dem Handy, die ich auf bebilderte Buchseiten drucke, um mich selbst als neue Person entdecken zu können.

Uwe Blass

Das komplette Interview lesen Sie hier.


Christoph Westermeier studierte an der Kunstakademie Düsseldorf. Er ist Lehrbeauftragter für Fotografie in der Fakultät Design und Kunst an der Bergischen Universität.

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